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Exklusiv: Kommentar: Verkehrswende ohne Kurs

Und wenn Du dann nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis. Das Rezept wird besonders gern in der Politik angewendet, um sich vor unangenehmen Beschlüssen zu drücken. Aktuelles Beispiel für dieses Verhalten sind die Aussagen der Expertengruppe Klimaschutz im Verkehr. 17 Stunden benötigten die Damen und Herren in ihrer Abschlussrunde, um an Ende der Öffentlichkeit ein allenfalls dürftiges Ergebnis zu präsentieren.

Eigentlich sollte die Gruppe konkrete Beschlüsse für eine Verkehrswende und die Verringerung des CO2-Ausstoß entwickeln. Doch am Ende standen Beschlüsse, die sich weniger an der Realität, als vielmehr an bekannten Worthülsen orientierten und die Wirklichkeit auf den Straßen und Schienen der Republik ganz offensichtlich ausblenden.

Allein schon die gebetsmühlenhaft vorgetragene Forderung nach einer Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs scheitert seit Jahrzehnten an einem Investitionsstau, der in die Milliarden geht. Die Gleise sind marode, die Takte der einzelnen Verkehrsverbünde schlecht bis gar nicht aufeinander abgestimmt und die Tarife schwer zu durchschauen. Kein Wunder, dass viele Menschen lieber den Stau in Kauf nehmen. Straßen und Brücken sind wegen jahrzehntelanger Vernachlässigung in einem bedauernswerten Zustand und verursachen Stillstand ohne Ende, was wiederum die CO2-Belastung steigen lässt.

In den Städten schließlich verhindert eine autofeindliche Verkehrspolitik einen flüssigen Verkehr. Früher gab es einmal eine „Grüne Welle“, doch irgendwann kam diese Methode offensichtlich aus der Mode. Und wer sich als Pendler in Zeiten von E-Bikes tatsächlich aufs Rad wagt, wird schnell feststellen, dass die Infrastruktur für Radfahrer in einem noch schlechteren Zustand ist als die Autostraßen. Die Bahn schließlich, in den vergangenen Jahren fast zu Tode gespart, muss erst einmal aufwendig ins 21. Jahrhundert gebracht werden, bevor sie beim Personen- und Frachttransport zur Alternative werden kann.

Angesichts dieser Verhältnisse eine Verkehrswende zu planen, zeugt von einem deutlichen Realitätsverlust. Auch die einseitige Konzentration auf die Elektromobilität wird diese Wende nicht bringen, es sei denn man rechnet wie das berüchtigte Milchmädchen. Bis zum Jahr 2030 sollen zehn Millionen E-Mobile auf deutschen Straßen rollen. Bis 2020 sollten es schon mal eine Million sein – heute beläuft sich der Bestand auf gut 85 000. Wo sollen die Millionen Stromer herkommen?

Aktuell lassen sich die verfügbaren E-Mobile an zwei Händen abzählen. Und wenn in elf Jahren tatsächlich 30 Millionen E-Fahrzeuge zugelassen sein sollen, müssten vom kommenden Jahr an rund ein Drittel der Neuzulassungen in Deutschland von E-Mobilen gestellt werden. Klingt schön, geht aber an der Realität vorbei. Denn noch fehlt es an entscheidenden Anreizen: Eine funktionierende Ladeinfrastruktur ist ebenso wenig in Sicht wie ein einheitliches Abrechnungssystem. Und die Vorstellung – auch von der Expertengruppe ins Spiel gebracht –, elektrische Lkw an Hochleitungen über die Autobahn zu steuern, ist schlicht abenteuerlich.

Außerdem bedeutet die einseitige Konzentration auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge allenfalls eine Verlagerung der Klimagasemissionen. In einem Land, das immer noch auf Strom aus Steinkohle und der besonders schädlichen Braunkohle setzt, lässt sich da kaum von einer Wende sprechen. Da ist es umso unverständlicher, dass die anderen klimaschonenden Techniken wie synthetische Kraftstoffe oder Wasserstoffantrieb offensichtlich keine Rolle spielen.

Die Elektromobilität mag durchaus einen Beitrag für eine Verkehrswende liefern, doch eben nicht allein. Erst, wenn die Alternativen zu einem echten Angebot ausgebaut werden und die einzelnen Verkehrsträger wie zum Beispiel in der Schweiz ineinandergreifen, kann eine Verkehrswende funktionieren. In der Schweiz werden wesentlich mehr Güter auf der Schiene bewegt, und das Projekt, den Frachtverkehr zwischen den Zentren unter die Erde zu verlagern, stehen kurz vor der Realisierung.

Angesichts des Klimawandels ist Handeln unumgänglich, und deshalb ist es umso bedauerlicher, dass die drängenden Probleme nicht in Angriff genommen, sondern vertagt werden. Nach Ostern will die Expertengruppe sich, wenn überhaupt, wieder treffen. Vielleicht wäre ein Termin nach Pfingsten passender. Denn da ist ja angeblich der Heilige Geist über die Menschen gekommen. (ampnet/ww)

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Walther Wuttke.

Walther Wuttke.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Walther Wuttke

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