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Exklusiv: Ford und Köln: Et hätt noch emmer joot jejange

Die Nerven liegen blank bei Ford in Köln. Die Belegschaft sorgt sich um die Zukunft ihrer Marke und bangt um ihre Arbeitsplätze. Tausende Stellen will die Konzernzentrale in Europa streichen. Der Kelch wird auch an Köln nicht vorübergehen. Und jetzt auch noch das: Die Kölner Stadtspitze denkt laut über einen Dienstwagenwechsel nach – von Ford zu einem anderen Hersteller.

Dass die Uhren in Köln mitunter anders ticken und Entscheidungsprozesse der politischen Elite für die Bürger nicht immer nachvollziehbar sind, wissen selbst die Imis. So nennen die in der Domstadt Geborenen Zugewanderte. Auch die, die es aus Düsseldorf, Berlin oder München nach Köln verschlagen hat. Und Artikel 1 des Kölschen Grundgesetzes sagt viel über das Gemüt des Ur-Kölners aus: Et es wie et es. Zu Deutsch: Es ist, wie es ist.

Und so ist es: Oberbürgermeisterin Henriette Reker und ihr Team haben den Umweltschutz für sich entdeckt. Das hat lange gedauert und musste erst zur gerichtlichen Anordnung führen, partielle Dieselfahrverbote als Option in den Luftreinehalteplan der Stadt aufzunehmen. Der Grund: Die Lokalpolitiker hatten die CO2-Thematik viele Jahre lang schluren lassen. So gehört der Clevische Ring im Stadtteil Mülheim schon länger zu den CO2-Hotspots in Deutschland. Jetzt gibt es anderswo in Köln erste separate Fahrspuren für Radfahrer, eine Pförtnerampel, die die Zufahrt in die City steuert, und jede Menge E-Scooter. Zudem hat Köln den Klimanotstand ausgerufen.

Deshalb mag Frau Reker wohl auch ihren Ford Mondeo Hybrid nicht mehr so recht, in dem sie sich dienstlich gern einmal zu Demos der Fridays-for-future-Bewegung chauffieren lässt. „Als Stadtverwaltung nehmen wir den Klimaschutz und den im Sommer ausgerufenen Klimanotstand ernst und wollen als Stadtspitze mit gutem Beispiel vorangehen. Daher werden in einem ersten Schritt einige Kollegen aus dem Verwaltungsvorstand neue Fahrzeuge testen“, kündigte die Oberbürgermeisterin an.

Dabei beziehen sich das schwarz-grüne Ratsbündnis und die FDP-Fraktion auf einen Ratsbeschluss aus dem Jahr 2016, wonach die Verwaltung bei der Neuanschaffung von Dienstwagen prüfen soll, „ob für den jeweiligen Zweck Fahrzeuge mit Hybrid- oder Elektro-Antrieb verfügbar“ sind.

Ford-Betriebsratschef Martin Hennig spricht angesichts der aktuellen städtischen Initiative von einem Schlag ins Gesicht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine von ihm gestartete Online-Petition fand schon innerhalb der ersten Tage viele tausend Unterstützer. Während einer von der SPD beantragten Aktuellen Stunde trafen sich Ford-Beschäftigte zu einer Mahnwache vor dem Historischen Rathaus. Betriebsratschef Hennig: „Es geht hier um den Umgang der Stadtspitze mit ihrer Verantwortung für die Bürger dieser Stadt und für die Ford-Beschäftigten.“

Auch die Opposition im Kölner Stadtrat geht auf die Barrikaden. SPD-Fraktionsvorsitzender Christian Joisten schimpft: „In einer Phase, in der tausende Ford-Mitarbeiter um ihre Jobs bangen, schleicht sich die Oberbürgermeisterin klammheimlich von Bord und sitzt schon mal in einer süddeutschen Nobelmarke Probe.“ Die Ford-Mitarbeiter fühlten sich von der Oberbürgermeisterin verraten. Die SPD bekenne sich zur Partnerschaft mit Ford und damit auch zum Industriestandort Köln. CDU-Fraktionschef Bernd Petelkau sieht das ähnlich: „Wir stehen zu Ford, weil unser Ford Mondeo Hybrid ein sehr guter Dienstwagen ist und Ford zu Köln gehört.“

Ford produziert und entwickelt seit fast einem Jahrhundert Autos in Köln. Automobilpionier Henry Ford hatte am 2. Oktober 1930 gemeinsam mit dem Kölner Oberbürgermeister und späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer den Grundstein für das neue Werk im Kölner Stadtteil Niehl gelegt. Taunus, Consul, Granada, Scorpio und Puma liefen hier vom Band. Heute produzieren die rund 18.000 Beschäftigten im Niehler Werk den Fiesta sowie Getriebe und Motoren.

Ford und Köln sind seit den Gründungsjahren eng miteinander verbunden. Der Autobauer ist nicht nur der größte Arbeitgeber und Steuerzahler der Stadt, auch der Karneval hat die Partner zusammengeschweißt. Ford stellt seit 70 Jahren die Bagagewagen für den Kölner Rosenmontagszug und seit 20 Jahren ehrenamtliche Bagagewagenfahrer. Das Kölner Dreigestirn ist seit Mitte der 50er Jahre mit Fahrzeugen von Ford zu seinen rund 300 Auftritten pro Session unterwegs. Doch nicht nur die Jecken fahren Ford, auch die Stadtspitze versorgt der Autobauer seit jeher mit Dienstwagen.

Nun aber testen die „Kollegen aus dem Verwaltungsvorstand“ drei Fahrzeuge eines anderen Herstellers, um dem Klimanotstand gerecht zu werden: zwei Fahrzeuge mit Plug-in-Hybrid- (Mercedes-Benz E-Klasse) und ein Fahrzeug mit Wasserstoff-Antrieb (Mercedes-Benz GLC F-Cell). Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dumm für Ford: Aktuell bietet der Hersteller nur den Explorer als Plug-in-Hybrid an. Im Frühjahr folgt der Kuga. Der Mustang kommt Ende 2020 als erstes batterieelektrisch angetriebenes Ford-Modell auf den Markt.

Und trotzdem ist die Argumentation der Kölner Stadtspitze unter dem Deckmäntelchen des Umweltschutzes fadenscheinig, wenn nicht sogar heuchlerisch. Denn die Verwaltungsvorstände werden ihre Mercedes nicht weniger als zwei Jahre lang testfahren, um Erkenntnisse „hinsichtlich der verschiedenen Bedarfe wie Reichweite, Funktionalität, Ausstattung und Alltagstauglichkeit“ zu gewinnen. Was für eine Farce! Was gibt es da noch zu testen, was nicht schon längst getestet wäre? Und: Bis zum Ende der Testphase wird Ford nach eigenen Angaben 19 elektrifizierte Fahrzeug-Modelle in seinem Angebot haben. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn da nichts Passendes für Oberbürgermeisterin Reker und ihren Stab dabei wäre. Oder geht es vielleicht doch nur ums Mercedesfahren?

Auf keinen Fall vergessen sollten die Kölner Ford-Beschäftigten trotz ihrer berechtigten Sorgen um die Arbeitsplätze und ihres verständlichen Ärgers über das diplomatische Ungeschick der Kölner Stadtspitze Artikel 3 des Kölschen Grundgesetzes: Et hätt noch emmer joot jejange. Zu Deutsch: Es ist noch immer gut gegangen. (ampnet/rs)

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Rainer Strang.

Rainer Strang.

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„Girls' Day“ bei den Ford-Werken.

„Girls' Day“ bei den Ford-Werken.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

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Produktion des Streetscooter Work XL im Ford-Werk Köln.

Produktion des Streetscooter Work XL im Ford-Werk Köln.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Hans-Robert Richarz

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27-millionster Motor von Ford aus Köln: Werksfahrer Stefan Mücke hilft bei der Montage des 1,0-Liter-Ecoboost-Motors mit.

27-millionster Motor von Ford aus Köln: Werksfahrer Stefan Mücke hilft bei der Montage des 1,0-Liter-Ecoboost-Motors mit.

Foto: Ford

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1.FC Köln besucht das Ford-Werk in Köln.

1.FC Köln besucht das Ford-Werk in Köln.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

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Ford-Werk Köln-Niehl im Jahr 1931.

Ford-Werk Köln-Niehl im Jahr 1931.

Foto: Auto-Medienportal.Net/Ford

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