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EXTRA Fahrbericht Norton Atlas: Die Nächste, bitte!

Der Blick auf die aktuellen Motorrad-Neuzulassungen in Deutschland zeigt: Da ist Platz für neue Player. CF Moto beispielsweise belegt mittlerweile Platz sechs der Hersteller-Hitliste. Damit schiebt sich der chinesische Motorradbauer vor etablierte Wettbewerber wie Ducati, Triumph, Harley-Davidson und Suzuki. Die indische TVS Motor Company wird das mit Interesse verfolgen. Rund sechs Millionen motorisierte Zweiräder mit meist kleinen Hubräumen hat der weltweit drittgrößte Motorradhersteller im abgelaufenen Geschäftsjahr abgesetzt. Und bringt nun auch die altehrwürdige Marke Norton zurück. Die Engländer aus Solihull bei Birmingham fertigen für und mit TVS die technischen Leuchtturm-Motorräder des Konzerns. Wie die neue Atlas.

Das auffallend modern gezeichnete Superbike Manx R wurde jüngst bei den International Design Excellence Awards (IDEA) 2026 ausgezeichnet. Nortons Flaggschiff überzeugte in der Kategorie Automotive and Transportation – als erstes Serienmotorrad mit Verbrennungsmotor überhaupt. Die 209 PS starke V4-Straßenrennmaschine setzt auf Fertigungstechniken aus der Automobilindustrie. Plane Oberflächen, kaum sichtbare Schrauben, kein Aerodynamik-Schischi wie Winglets, einfarbige Lackierung statt bunter Grafiken – die Manx R interpretiert das Genre Superbike auf puristische Weise neu. Genau das soll auch der Norton Atlas in der Adventure-Klasse gelingen. Als Reiseenduro tritt sie in einem der angesagtesten Marksegmente an. Gegen ungezählte Wettbewerber aus Asien und Europa.

Auffallen ist also angesagt. Und das tut die Norton Atlas, vor allem in der von uns getesteten Variante Apex. Das Topmodell der Baureihe lockt mit einem serienmäßigen Assistenzpaket, das es so eigentlich nur im Motorradoberhaus gibt (und in der mehr als doppelt so teuren Manx R). Eine moderne Sechs-Achsen-Sensormesseinheit (IMU) der jüngsten Generation stattet nahezu alle elektronischen Helfer der Maschine mit Talenten aus, die auch in Schräglage und physikalisch anspruchsvollen Situationen verlässlich funktionieren.

Das per IMU orchestrierte Zusammenspiel klappt perfekt: Die Wheelie Control verhindert das unkontrollierte Steigen des Vorderrads, die Rear Lift & Slide Control hält das Hinterrad kontrolliert am Boden und auf Kurs, das Kombi-Bremssystem verteilt die Bremskraft auf beide Räder, auch wenn nur eine Bremse betätigt wird. Das Kurven-ABS und die Traktionskontrolle agieren verlässlich, lassen dem Fahrer aber weitgehend freie Hand. Ein Reifendruckkontrollsystem und der LED-Doppelprojektionsscheinwerfer mit dynamischer Lichtintensität sowie Kurven- und Tagfahrlicht runden das Apex-Paket ab.

Die vorderen Blinker der Atlas hat Chefdesigner Simon Skinner platzsparend in die Handprotektoren integriert, um die Anzahl der Anbauteile zu reduzieren. Für bestens ables- und auffindbare Informationen sorgt ein vollfarbiger Acht-Zoll-Touchscreen mit Konnektivität und Over-the-Air-Updates, der bei der Fahrt auch problemlos über die Bedienelemente am linken Lenkerende angesteuert werden kann.

Mehr Ausstattung geht kaum. Schon gar nicht in der Mittelklasse, wo die Norton Atlas mit ihrem 585-Kubik-Reihenzweizylinder antritt. Der komplett neu entwickelte Twin mit angesagter 270-Grad-Kurbelwelle leistet muntere 70 PS bei 9300 Touren und knapp 58 Newtonmeter Drehmoment bei 7300 U/min. Die Gangwechsel können präzise und schnell per bidirektionalem Quickshifter erfolgen. Das reduziert das Einsatzspektrum der leichtgängigen Kupplung aufs Anfahren und Anhalten. „Die Atlas steht für Nortons zeitlosen Abenteuergeist und ist gleichzeitig wie geschaffen für die Art, wie Menschen heute tatsächlich Motorrad fahren: durch Städte, über Kontinente und auf jedem Terrain“, erklärt Richard Arnold, Executive Director von Norton Motorcycles.

Für adäquates Temperament je nach Witterung und Terrain sorgen fünf Fahrprogramme namens Urban, Rain, Sport, Tour und Enduro. Je nach Modus reagieren Gasannahme und Regeleingriffe unterschiedlich sensibel – gutmütig in der Stadt, vorsichtig bei Regen, komfortabel auf Touren. Im nahezu bissigen Sportmodus geht deutlich stärker die Post ab, im Enduromodus bleibt das Hinterrad-ABS aus, um bewusst mit dem blockierenden hinteren Schlappen arbeiten zu können, zum Beispiel auf Kies und Schotter. Beides ist auf Island, wo die Fahrpräsentation stattfand, elementarer Bestandteil des Streckennetzes.

Die kompakten Abmessungen machen die relativ leichte Norton Atlas Apex (203 kg fahrbereit, Atlas: 201 kg) für eine Vielzahl von Fahrern interessant: Sitzhöhe 845 mm, Bodenfreiheit 220 mm, Federweg vorn und hinten 180 mm, Radstand 1465 mm – das schafft Vertrauen, man fühlt sich auf dem Adventure-Bike sofort zu Hause. Die Füße erreichen im Stand problemlos den Boden, das erleichtert das Rangieren und Stoppen an der Ampel. Der angenehm breite Lenker liegt gut in der Hand und vermittelt ein schön direktes Gefühl fürs Vorderrad.

Auf eine 21-Zoll-Felge verzichten die Briten im Gegensatz zu manchem Wettbewerber: Nortons Reise-Crossover ist im besten Sinne ein SUV auf zwei Rädern, keine echte Offroad-Maschine. Hardcore-Ausflüge ins Gelände würden sich mit den feinen Oberflächen im Manx-R-Style vermutlich eh nicht allzu gut vertragen. Bei dieser Reiseenduro geht es ums Reisen und Pendeln mit Adventure-Attitüde und aufrechter Sitzposition. Und um jede Menge Fahrspaß, an dem auch das vollständig einstellbare KYB-Fahrwerk und der souveräne Sound der 2-in-1-Auspuffanlage einen gehörigen Anteil haben.

In puncto Verbrauch gibt sich die Atlas genügsam: Norton gibt ihn mit 4,3 Litern auf 100 Kilometer an. Unser Testbike landete auf Islands einsamen Landstraßen bei 5,5 Litern. Der Tank fasst 15,6 Liter, macht je nach Fahrweise also rund 280 bis 360 Kilometer ohne Zapfsäulenstopp. Die ersten Modelle sind bereits auf der Straße. 13 Händler listet die Norton-Webseite aktuell fürs Vereinigte Königreich auf, zwölf in Frankreich, elf in Italien und einen in Spanien. In Deutschland sind bislang drei Händler am Start Weitere Standorte sind in Vorbereitung und haben höchste Priorität bei Sinje Gottwald, Country Managerin Norton Motorcycles und TVS in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz). Die modernen Showrooms und Präsentationsflächen hat Stardesigner Lord Norman Foster entworfen in enger Zusammenarbeit mit Gerry McGovern, Chief Creative Advisor bei Norton Motorcycles und Ex-Designchef von Jaguar Land Rover. Auch das untermauert den Premiumanspruch der Marke. (aum)

Daten Norton Atlas Apex

Motor: Zweizylinder, flüssigkeitsgekühlt, 585 ccm
Leistung: 51,5 kW / 70 PS bei 9300 U/min
Max. Drehmoment: 57,5 Nm bei 7300 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: k.A.
Getriebe: 6-Gang
Antrieb: Kette
Tankinhalt: 15,6 Liter
Sitzhöhe: 845 mm
Gewicht: 203 kg (fahrbereit)
Normverbrauch: 4,3 l/100 km
CO2-Emissionen: 99 g/km
Testverbrauch: 5,5 l/100 km
Bereifung: 110/80-19 (v.), 150/70-17 (h.)
Preis: 10 525 Euro (Atlas: ab 9250 Euro)

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Norton Atlas Apex.

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Photo: Norton via Autoren-Union Mobilität


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