In den vergangenen Wochen haben wir aufgezeigt, wie chinesische Hersteller in Deutschland und Europa zunehmend Marktanteile gewinnen. Ein zentrales Schlagwort darf dabei jedoch nicht fehlen, das immer wieder auftaucht um zu beschreiben, wie chinesische Unternehmen insbesondere die deutsche Automobilindustrie unter Druck setzen: China-Speed. Die Geschwindigkeit der chinesischen Hersteller.
Auf eines konnte man sich in der Automobilwelt lange verlassen: Gut Ding will Weile haben. Mercedes-Benz etwa lässt sieben bis acht Jahre ins Land ziehen, ehe eine neue Generation des Flaggschiffs S-Klasse auf den Markt kommt. Und ehe ein gänzlich neues Modell zu den Händlern rollt, vergehen bei den etablierten Marken mindestens drei Jahre Entwicklungszeit. Prominentes Beispiel: Im März 2023 präsentierte VW das Konzeptfahrzeug ID.2all. Das entsprechende Serienmodell mit dem Namen ID.Polo debütiert in diesen Wochen bei den Händlern.
Die chinesische Autoindustrie bricht mit derart langen Entwicklungszyklen radikal – insbesondere wenn es um Elektroautos geht. „Bei den chinesischen Herstellern liegen die durchschnittlichen Entwicklungszeiten für ein neues E-Auto bei etwa 1,6 Jahren“, sagt Xing Zhou Partner, Managing Director und China-Experte beim Beratungsunternehmen AlixPartners.
Anders gesagt: Chinas Hersteller revolutionieren den Zeitplan der Autobranche mit nur noch halb so langen Entwicklungszeiten. „China-Speed“ lautet das dazugehörige Buzzword. Aber wie gelingt es, eine komplexe Maschine wie ein Automobil derart schnell auf die Räder zu stellen. Was ist passiert? Warum kann Chinas Industrie so schnell so enorm aufs Tempo drücken? Automobil-Experte Zhou führt das auf eine strategische Grundsatzentscheidung der chinesischen Hersteller zurück, die im Zuge der Fokussierung auf die Elektromobilität getroffen wurde. „Bei E-Autos sind für die chinesischen Hersteller Batterie und Software entscheidend. Die Hardware eines Fahrzeugs hingegen nimmt eine untergeordnete Rolle ein.“ Entsprechend passen die chinesischen Hersteller ihre Entwicklungszyklen an die Fortschritte bei der Batterietechnologie und der Software an. „Und auf diesen Feldern ist es undenkbar, sich sieben Jahre auf einem gelaunchten Modell auszuruhen“, so Zhou.
Die Entwicklungszyklen würden dadurch bei E-Autos deutlich kürzer als bei Verbrennermodellen. Chinas Hersteller gehen hier voran. Getrieben auch durch die enorme Konkurrenzsituation auf dem heimischen Markt. In China kommen etwa 140 neue Elektromodelle pro Jahr auf den Markt, sagt Zhou. Wobei die Interieur- und Exterieurgestaltung für chinesische Kunden sekundär sei. „Differenzierungsmerkmal Nummer eins sind Innovationen im Bereich der Batterietechnologie und der Software.“
Mit diesen Neuerungen können chinesische Hersteller auch deshalb so schnell punkten, weil sich in Fernost ein neuer Grundsatz bei der Modellentwicklung etabliert hat: der „Good-enough-Ansatz“, wie ihn AlixPartners-Berater Zhou nennt. Er steht dem Perfektionsstreben der deutschen Autoindustrie gegenüber. Zhou macht das an einem Beispiel deutlich: Im VW-Konzern etwa sei es üblich, dass neue Modelle bei zwei Kältetests in zwei aufeinanderfolgenden Wintern auf Herz und Nieren erprobt werden. Damit auch wirklich nichts klappert, quietscht oder zickt, wenn der Wagen später beim Kunden steht. „Diese lange Zeit, die man sich zum Beispiel im VW-Konzern für die Optimierung eines Modells genommen hat, genehmigen sich Chinas Hersteller nicht. Für sie gilt: Good enough? Dann kommt das Auto auf den Markt.“
Dass das für die meisten Kunden offenkundig ausreicht, zeigte in der Vergangenheit der Erfolg des US-Herstellers Tesla. Als die Marke mit ihren Elektromodellen auf den Markt drängte, wurden die Fahrzeuge in Deutschland wegen ihrer laxen Qualität und grober Spaltmaße belächelt. Tesla wurde dennoch zum zwischenzeitlich größten Elektroautohersteller der Welt. Die Fahrzeuge waren neu, interessant, anders – und deshalb trotz aller Nachlässigkeiten „good enough“.
Inzwischen ist der chinesische Konzern BYD der größte Elektroautobauer weltweit. Auch in Deutschland kann der Konzern auf steigende Verkaufszahlen verweisen und ist mittlerweile die zulassungsstärkste Marke aus China. Möglich machte das auch die Schnelligkeit, mit der BYD auf die sich verändernden Marktbedingungen reagierte. 2024 erhob die EU zusätzliche Zölle auf E-Autos aus China. BYD sattelte daher um und exportierte auch (von diesen Zöllen befreite) Plug-in-Modelle nach Europa. Mit Erfolg: Im Mai, Juni und Juli dieses Jahres stellte BYD mit dem SUV Seal U DM-i jeweils das meistverkaufte Plug-in-Hybridmodell in Deutschland.
BYD und Co. profitieren bei der schnellen Umsetzung ihrer Pläne zudem von den heimischen Gegebenheiten. In vielen chinesischen Fabriken wird im Zweischichtbetrieb gearbeitet. In Teilen der chinesischen Industrie sind Arbeiter von Montag bis Samstag im Einsatz – teilweise bis zu 60 Stunden in der Woche. Zudem werden in China viele Tests mit sogenannten Digital Twins durchgeführt, also mit virtuellen Nachbildungen der Produkte. Kostspielige und aufwändige physische Tests können damit reduziert oder in frühere Entwicklungsphasen verlagert werden. Auch das erhöht die Geschwindigkeit, mit der die chinesische Industrie ihre Produkte zur Marktreife entwickeln und auf die Straße bringen kann.
Weil zudem die Löhne in China niedriger sind als zum Beispiel in Deutschland, ergeben sich weitere Einsparungen. Das wiederum trägt dazu bei, dass chinesische Autos heute nicht nur schneller auf den Markt kommen, sondern zumeist auch günstiger als die Konkurrenzfahrzeuge der etablierten Hersteller angeboten werden. Und so setzt die chinesische Industrie Deutschlands Autohersteller massiv unter Druck. Bislang haben sie darauf noch keine überzeugende Antwort gefunden. (aum)
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