Schon auf den ersten Blick weckt der Renault 4 E-Tech Electric Erinnerungen an den französischen „Volkswagen“ mit der eigentümlichen Revolverschaltung. Wo das Original jedoch einst als nüchterner Lastesel für Land, Stadt und Familie unterwegs war, fährt der Wiedergänger als schickes Elektro-Crossover vor. Kantige Silhouette, trapezförmige Seitenfenster, senkrechte Rückleuchten und die markante Front zitieren den berühmten Ahnen unverkennbar. Doch mit 4,14 Metern Länge ist der moderne R4 üppige 48 Zentimeter länger und 31 Zentimeter breiter als der historische Namensgeber und zum Lifestyle-Auto geworden – immerhin nicht ohne Nutzwert.
Dafür teilt er sich die AmpR-Small-Plattform mit dem Renault 5. Rund 68 Prozent der Bauteile sind identisch. Das soll die Kosten drücken, macht den B-Segment-Stromer mit mindestens 29.500 Euro allerdings noch lange nicht zum Schnäppchen. Die gefahrene Topversion R4 E-Tech Electric 150 Comfort Range Iconic mit 52-kWh-Batterie startet gar erst bei 36.500 Euro. Dafür gibt es jedoch reichlich Ausstattung, glanzgedrehte 18-Zoll-Aluräder, Zweifarblackierung und ein Auto, das beim ersten Kontakt schnell vertraut wirkt.
Der Einstieg gelingt problemlos, vorn sitzt man luftig und bequem. Die Sitzposition fällt crossovertypisch etwas erhöht aus, ohne dass der R4 zum SUV auf Stelzen wird. Hinten dagegen offenbart die Neuauflage ihre Grenzen. Größere Passagiere stoßen schnell mit dem Kopf an den Dachhimmel, die niedrige Bank zwingt die Knie in eine hohe Position. Für kurze Wege reicht das, auf längeren Fahrten ist Reihe zwei eher Kinder- oder Gelegenheitsterrain.
Viel überzeugender sieht der Kofferraum aus. Die elektrisch öffnende Heckklappe schwingt weit auf, die Ladefläche liegt angenehm niedrig und besitzt keine störende Innenkante. Bis unters Dach passen 420 Liter, zusätzlich gibt es unter dem doppelten Boden ein 20-Liter-Fach, gut für das Ladekabel (das allerdings in einem Frunk noch besser aufgehoben wäre). Mit umgelegten Lehnen wächst der Stauraum auf bis zu 1405 Liter. Klappt auch der Beifahrersitz nach vorn, können Gegenstände bis 2,20 Meter Länge mitfahren.
Im Cockpit setzt Renault auf die bekannte Architektur des R5. Ein digitales Kombiinstrument und ein zentraler, leicht zum Fahrer orientierter Touchscreen bilden eine zusammenhängende Einheit. Das 10-Zoll-Multimediasystem wirkt grafisch frisch, reagiert flott und verzichtet erfreulicherweise auf verschachtelte Menülabyrinthe. Nach kurzer Eingewöhnung findet man Klimaeinstellungen, Navigation und Fahrzeugoptionen zuverlässig. Die Mischung aus Displays, separaten Bedienelementen und klaren Lenkradtasten funktioniert unterwegs besser als viele rein touchbasierte Konzepte.
Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Startknopf oberhalb des Zentralbildschirms. Anschließend wird die Fahrstufe über einen Hebel rechts hinter dem Lenkrad gewählt. Eine eigene P-Stellung gibt es nicht, beim Abstellen übernimmt das Fahrzeug die Parksperre. Das ist funktional, aber zunächst gewöhungsbedürftig. Auch der Multi-Sense-Knopf am Lenkrad wechselt zügig zwischen den Fahrprogrammen. Aber die beste und meistgenutzte Funktionstaste ist der frei konfigurierbare „My-Safety“-Switch-Button links am Armaturenbrett, der bis zu fünf Assistenzfunktionen auf Knopfdruck abstellt. Wer etwa Tempowarner oder aktive Spurführung nicht bei jeder Fahrt neu durchs Menü suchen möchte, lernt diesen Schalter schnell zu schätzen.
Die Sprachbedienung über den Avatar „Reno“ zeigt ebenfalls, dass Renault die Digitalisierung nicht als Pflichtübung versteht. Der von Google Assistant und ChatGPT unterstützte Helfer versteht natürliche Formulierungen erstaunlich gut, setzt Navigationsziele, steuert die Klimatisierung oder sucht Sender. Die Google-basierte Routenführung plant bei weiter entfernten Zielen zudem Ladestopps ein und kann die Batterie vor einem Schnellladehalt vorkonditionieren.
Auf der Straße passt der 110 kW starke Frontmotor hervorragend zum Charakter des R4. Seine 150 PS und 245 Nm Drehmoment haben leichtes Spiel mit dem rund 1,5 Tonnen schweren Franzosen. Schon mit dem ersten Tritt aufs Pedal zieht er sauber und gleichmäßig durch. Aus dem Stand in dreieinhalb Sekunden auf Tempo 50, gelingen in der Stadt Spurenslalom und Mitschwimmen mühelos. Und auch auf der Landstraße sind Überholmanöver mit 6,4 Sekunden im Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h rasch erledigt. Allerdings wird er auch schon bei 150 km/h elektronisch eingebremst. Sportlich im klassischen Sinn ist der R4 vielleicht nicht, aber er wirkt lebendig und angenehm direkt.
Die Lenkung arbeitet leichtgängig, präzise und macht den Renault zum unkomplizierten Begleiter in engen Straßen oder Parkhäusern. Sein Fahrwerk ist jedoch straff abgestimmt, kurze Kanten und schlechte Asphaltreparaturen dringen deutlich zu den Insassen durch. Auf glatter Landstraße überzeugt der R4 dagegen mit stabilem Geradeauslauf und sauber kontrollierbaren Bewegungen. Die aufwendige Mehrlenker-Hinterachse sorgt für ein sicheres Gefühl in Kurven, verwandelt das Auto aber nicht in eine Komfortsänfte. Im Sport-Modus hängt der Antrieb spürbar engagierter am Pedal, im Eco-Programm hält er sich zugunsten der Effizienz zurück. Allerdings überfordert das kräftige Drehmoment die Vorderräder gelegentlich. Wer aus engen Kurven oder bei feuchter Fahrbahn energisch beschleunigt, provoziert durchdrehende Reifen, doch im normalen Alltag bleibt der Fronttriebler gut beherrschbar.
Der große Akku mit 52 kWh ermöglicht eine realistische Reichweite von rund 330 Kilometern im gemischten Betrieb, die angegebenen 409 Km waren jedenfalls auch bei 100 Prozent Aufladung ne zu sehen. Wie auch, wenn der Gesamtverbrauch im Schnitt bei 17,8 kWh je 100 Kilometer lag. Innerorts sind auch 13,2 kWh möglich, auf der Autobahn steigen die Werte dann aber auch schnell über die 20-kWh-Marke. Damit ist der R4 ein klassischer Pendler und Stadt-Land-Allrounder. Für Vielfahrer mit häufigen Fernreisen hingegen bleiben die Ladeleistungen der Schwachpunkt: Wechselstrom gibt es maximal mit 11 kW, Gleichstrom nur bis bestenfalls 100 komma x kW. Damit kann es an der DC-Schnellladesäule schon mal zäh werden, insbesondere wenn sich die Leistung nach dem anfänglichen Maximum schnell um die 75 kW einpendelt.
Auch das Kamerabild beim Rückwärtsfahren fällt sichtbar unscharf aus. Das ist ärgerlich, weil der Rest der Assistenztechnik einen starken Eindruck hinterlässt. Notfall-Spurhaltehilfe, Fahrerüberwachung und Rückfahr-Notbremsassistent sind bereits verfügbar. Mit dem 750 Euro teuren Assistenzpaket kommen Spurwechselwarner, Ausstiegswarnung, Querverkehrerkennung und ein Autobahnassistent hinzu. Die aktive Spurführung arbeitet angenehm dezent und greift nicht nervös ins Lenkrad.
Unterm Strich trifft Renault beim R4 gekonnt die Balance aus Nostalgie und Gegenwart. Er ist kein kompromissloser Raumriese und kein Langstrecken-Lademeister. Dafür bietet er ein eigenständiges Design, viel Kofferraum, durchdachte Bedienung und einen effizienten, munteren E-Antrieb. Wer vor allem regional unterwegs ist und sein Auto auch als sympathisches Statement versteht, findet im Renault 4 E-Tech Electric einen charmanten Begleiter mit deutlich mehr Substanz, als sein stylisher Auftritt zunächst vermuten lässt. (aum)
Daten Renault 4 E-Tech 150 Comfort Range
Länge x Breite x Höhe (m): 4,14 x 1,81 x 1,55
Radstand (m): 2,62
Antrieb: Elektrisch, 110 kW (150 PS), Frontantrieb, 1-Gang-Automatikgetriebe
Max. Drehmoment: 245 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 150 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 8,2 Sek.
WLTP-Durchschnittsverbrauch: 15,7 kWh
Batteriekapazität: 52 kWh
Reichweite (WLTP): 409 km
Max. Ladeleistung: 11 kW AC/ 100 kW DC
Leergewicht / Zuladung: 1537 kg / 443 kg
Kofferraumvolumen: 420-1405 Liter
Anhängelast: 750 kg
Preis: ab 36.500 Euro
Testwagenpreis: 38.850 Euro
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