Hundert Millionen Tonnen CO2. So viel blies der Verkehr in Deutschland 2024 in die Atmosphäre. Das ist eine Zahl des Umweltbundesamts (UBA): gemessen, belastbar, politisch brisant. Und doch bedient sich die Tempolimit-Debatte eines Taschenspielertricks. Denn was als harte Klimarechnung verkauft wird, ist nur zur Hälfte Physik, zur anderen Hälfte aber Prognose. Während die Emissionen tatsächlich gemessen werden, stammt das Versprechen ihrer Reduktion aus Modellen, Annahmen und idealisierten Verhaltensänderungen.
Jeder weiß, ein Auto verbraucht bei langsamer Fahrt weniger als bei schneller. Wie viele Fahrer wirklich langsamer fahren würden, wie stark der Verbrauch sinkt, wie sich der Verkehr verlagert – all das steht nicht fest. Sicher ist bislang nur eines: Der Gewissheit, mit der über die Wirkung gesprochen wird, fehlt die sichere statistische Basis.
Die Größe der Unschärfe zeigt sich bei einem Blick auf die UBA-Zahlen zur Auswirkung eines Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. Die Einsparungen sollen zwischen 3,9 und 6,8 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr belaufen. Andere Prognosen nennen Werte von einer Million Jahrestonnen CO2.
Die Voraussagen zu einer Kraftstoffeinsparung durch Tempolimit schwanken entsprechend. Sie sollen zwischen einem und sieben Prozent liegen. Da nur 61 Prozent der Emissionen des Verkehrs in Deutschland auf den Personenwagen entfallen, verringern sich die Prognosen aufs Sparpotenzial noch einmal – von weit unter einer Million bis ungefähr rund vier Millionen Tonnen.
Greenpeace versucht nun den statistischen Nebel mit einer anderen Sichtweise zu durchdringen. Sie blicken auf den Kraftstoffverbrauch eines Pkw und stellen sich vor, wie sich der deutsche Durchschnittsfahrer unter dem Einfluss des Limits die passende Strecke wählen und des Fahrpedals bedienen könnte.
Ergebnis: Im Schnitt verfügt jeder deutsche Haushalt über 1,21 Fahrzeuge. Je Pkw könne – laut Greenpeace – jeder Haushalt mt dem Tempolimit 153 Euro pro Jahr sparen, steht ein Diesel vor der Tür, sogar 274 Euro. Das sind pro Tag 42 Cent für Benziner- und 75 Cent für Diesel-Freunde. Geschickt war es von Greenpeace nicht, mit dieser Pfennigfuchserei das Thema befeuern zu wollen.
Nehmen wir Greenpeace aber beim Wort, drehen die Rechnung um und rechnen von den angenommenen Einsparungen auf den Gesamteffekt hoch. Realistische Kraftstoffpreise angenommen, sparte der Benziner bei einem Preis von € 2,10 pro Tag 0,2 Liter, der Diesel bei einem Preis von € 2,50 einen Drittel Liter. Im Bestand von zurzeit rund 50 Millionen kommen auf jeden Diesel zwei Benziner. Die Benzer würden 6,7 Millionen Liter einsparen, die Diesel 5,5 Millionen Liter. Die Einsparungen liegen nach den Greenpeace-Zahlen also bei unerwartet niedrigen 0,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, also in der Nähe der niedrigsten der zur Wahl stehenden Prognosen.
Wo liegt der Fehler? Churchill wird der Satz zugeschrieben: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“. (aum)
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