Fahrbericht Yamaha Ténéré 700 World Raid: Allein auf weiter Flur

Jedes vierte Mittelklasse-Adventure-Bike in Europa ist eine Ténéré. Über 86.000 Stück hat Yamaha seit 2019 hier verkauft. Für mehr Übersichtlichkeit wurde die Zahl der Modellvarianten von zeitweilig einem halben Dutzend inzwischen auf die Hälfte zurückgefahren. Neben der Standardversion und der noch offroad-affineren Rally gibt es on top die World Raid für den Globetrotter (oder für alle, die sich so fühlen wollen). Sie wurde jetzt anhand der Kundenrückmeldungen noch einmal in einigen Bereichen überarbeitet, um die Symbiose aus Langstreckentourer und Geländegänger weiter zu optimieren. Yamahas europäischer Produktmanager Leon Osterhof nennt sie ein „Adventouring“-Bike.

Die Qualitäten und Tugenden des 689 Kubik großen Zweizylinders sind hinreichend be- und anerkannt. Daher hat Yamaha nur noch ein wenig an den Getriebezahnrädern gefeilt und den Lufteinlass optimiert. Die Gasannahme des CP2-Motors wurde auf die elektronische Steuerung YCC-T (Yamaha Chip Controlled Throttle) umgestellt und erlaubt nun zwei Fahrmodi. Der Kupplungsausrücker wurde aufgrund des Kundenfeedbacks um 35 Grad nach vorne versetzt, bekommt eine weichere und schmalere Abdeckung und stört den Stiefel insbesondere beim Fahren im Stehen weniger. Lediglich bei hohen Drehzahlen verlangte der Schalthebel (der noch kaum eingefahrenen Maschine) manchmal etwas mehr Druck für den Gangwechsel. Einen Quickshifter bietet Yamaha als Plug-and-Play-Lösung an.

Im Alltag lässt sich die World Raid gut im Bereich zwischen 3000 und 5000 Umdrehungen in der Minute bewegen. Im letzten Gang steht bei 4300 Touren Tempo 100 auf dem Tacho, bei Fünfeinhalb liegt die Autobahnrichtgeschwindigkeit von 130 an. Bei 6000 U/min kommt gefühlt noch einmal etwas mehr Leben in die Bude. Egal, in welchem Bereich der Motor läuft, er ist mechanisch immer leicht präsent, hält sich akustisch aber angenehm zurück.

Mit nur einem Finger am Hebel lässt sich bei Bedarf vor Kurven über die Vorderradbremse ganz leicht etwas Tempo herausnehmen. Sie ist gut dosierbar und ebenso kräftig. Für die Hinterradbremse gilt eher das Gegenteil. Das ist dem Offroad-Anspruch geschuldet, auf der Straße wünschte man sich hier etwas mehr. Das ABS ist aber hier wie dort bestens abgestimmt, schnell zur Stelle und regelt völlig unaufgeregt. Die Bezeichnung „Sport“ für den zweiten angebotenen Fahrmodus darf hingegen nicht allzu wörtlich genommen werden. Er sollte als „Normal“ oder „Street“ verstanden werden, denn es bleibt bei 73 PS. In Sachen Leistung hält sich Yamaha weiterhin ganz bewusst etwas zurück.

In der „Explore“-Fahrstufe begeistert und beeindruckt die Yamaha durch ihre sanfte, feinfühlige, absolut lineare und berechenbare Gasannahme. Gleichzeitig wurde das Drehmoment im unteren Drehzahlbereich mit der Modellüberarbeitung verbessert. Das kommt vor allem im Gelände zum Tragen, wenn die Ténéré bei niedrigtouriger Fahrt beim Gasgeben wie ein Traktor aus dem Drehzahlkeller vorwärts stampft. Nicht nur hier kann sich der Fahrer nahezu blind auf die Enduro verlassen. Sie begeistert durch ihr sehr neutrales Fahrverhalten – sowohl on- als auch offroad. Nervosität ist ihr fremd. Lediglich auf gröberem Geröll kann es den Lenker einmal zur Seite schlagen.

Ansonsten bringen der nochmals optimierte, leicht einstellbare Lenkungsdämpfer und die auf nun 46 Millimeter (vorher 43 mm) gewachsene KYB-Federgabel sowie das entsprechend angepasste Federbein mit um fünf Millimeter vergrößertem Hub Ruhe ins Fahrwerk. Die hervorragend gedämpfte Federung begeistert sowohl auf Asphalt als auch abseits der Straße. Das Vorderrad lässt sich auf nahezu allen Untergründen punktgenau führen. Yamaha beweist hier eindrucksvoll, dass ein hervorragend abgestimmtes konventionelles Fahrwerk es durchaus mit einem semiaktiven aufnehmen kann und dürfte auch hier aktuell die Benchmark im Segment setzen.

Ohnehin gehörte der Verzicht auf überbordende Elektronik von Anfang an zur Philosophie der Ténéré 700. Es gibt heuer „nur“ zwei Fahrmodi und jeweils drei beliebig via Joystick kombinierbare Einstellungen für die Traktions- und die Slidekontrolle. Dazu kommen drei ABS-Optionen: an, hinten deaktiviert und komplett aus. Ein Druckknopf links im Cockpit erlaubt dabei den Schnellzugriff – allerdings nur im Stand. Dass das Umschalten leider nicht während der Fahrt möglich ist, begründet Yamaha mit Sicherheitsaspekten.

Apropos Stehen: Durch die neue, durchgehende Sitzbank, die geringfügig schmalere Taille und den etwas niedriger liegenden Tank ist die Ténéré etwas komfortabler geworden. Vom Sitzen ins Stehen und umgekehrt kann der Fahrer förmlich in einer fließenden Bewegung und ohne Anstrengung wechseln statt ruckartig. Auch das trägt zum hervorragenden Fahrgefühl bei. Zudem schützt das geänderte Bodywork den Körper im aufrechten Zustand besser als bisher und die Maschine bei Stürzen. Heck und Auspuffhalterung wurden für dieses Jahr ebenfalls noch einmal verstärkt.

Die World Raid steht bei allem extrovertierten Auftreten für einen gutmütigen Charakter, der Vertrauen schafft und Verlässlichkeit bietet. Sie ist top ausbalanciert, Lastwechselreaktionen sind ihr ebenso fremd wie irgendwelche Unruhen in Kurven. Trotz ihrer Hochbeinigkeit und eines vermeintlichen Leistungsmankos erweist sie sich nicht nur wegen ihres herausragenden Fahrwerks als ausreichend flotter Landstraßenfeger, denn auch bei der Wahl der Serienbereifung beweist Yamaha ein glückliches Händchen. Der Pirelli Scorpion Rally STR ist sowohl auf der Straße als auch im Gelände eine sichere Bank. Mit einem Testverbrauch von 4,6 Litern bewegte sich die Yamaha bei der ersten, 250 Kilometer langen Ausfahrt nur knapp über dem Normwert.

Der nach wie vor 23 Liter große, aber jetzt 1,5 Kilo leichtere und etwas tiefer liegende Dual-Tank mit zwei Einfüllstutzen erlaubt Reichweiten von rund 500 Kilometern und wirkt kleiner, als er ist. Das Doppelprinzip ist mehr als nur Show. Durch die zwei Kammern schwappt das Benzin beim Fahren weniger hin und her. Ein Ventil sorgt dafür, dass in beiden Tankhälften immer wieder Gleichstand herrscht. Die einzige „Spielerei“, die sich die Entwickler erlaubt haben, sind die drei verschiedenen Anzeigeoptionen des auf 6,3 Zoll gewachsenen Displays. Es lässt sich dank vertikaler Ausrichtung auch im Stehen gut im Blick behalten. Die neu gestaltete Frontscheibe arbeitet wirkungsvoll und hält den Druck wirkungsvoll vom Oberkörper fern. Serienmäßig erleichtert nun ein Tempomat inklusive Speedlimiter die Reise. Die Höhenverstellung des neuen vieräugigen LED-Scheinwerfers erfolgt über eine einzelne und leicht zugängliche Schraube unterhalb des TFT-Displays.

Fazit: In ihrer konzeptionellen Mischung ist die Ténéré 700 World Raid in ihrer Klasse derzeit ohne Konkurrenz und allein auf weiter Flur. Sie ist verdammt nah an der eierlegenden Wollmilchsau, zu der ihr letztendlich aber ein Schuss sportliche Spritzigkeit fehlt. Doch die stand schon ganz bewusst bei der Entwicklung nie im Lastenheft. Und auch die Sitzhöhe von 89 Zentimetern steht dem im Wege. Sie dürfte – trotz nun etwas reduzierter Schrittbogenspreizung – für viele Fahrer ein K.-o.-Kriterium sein, denn Platz für eine niedrigere Bank gibt es nicht. Weiter runter geht es nur mit einer Tieferlegung, die dann allerdings den Charakter des Motorrads etwas verfälschen dürfte. Mit ein wenig Übung finden aber auch Kurzbeinige meist eine Methode, einen halbwegs sicheren Stand zu bekommen. Eine Probefahrt sollte aber allein schon aus diesem Grund vor einer Kaufentscheidung stehen. In allen anderen Punkten kann man mit der World Raid ansonsten nichts verkehrt machen. (aum)

Daten Yamaha Ténéré 700 World Raid

Antrieb: R2, 689 ccm, Kette, 6 Gänge
Leistung: 54 kW / 73 PS bei 9000 U/min
Max. Drehmoment: 68 Nm bei 6500 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 181 km/h
Beschleunigung 0–100 km/h: k. A.
Tankinhalt: 23 Liter
Sitzhöhe: 890 mm
Gewicht: 220 kg (fahrbereit)
Normverbrauch: 4,3 l/100 km
CO2-Emissionen: 100 g/km
Testverbrauch: 4,6 l/100 km
Bereifung: 90/90-21 (v.), 150/70-18 (h.)
Preis: 13.699 Euro

Weiterführende Links: Yamaha-Presseseite

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