Der Mercedes-Benz Marco Polo war schon Glamping-Mobil, als es das Wort noch gar nicht gab. In der überarbeiteten Version wird der alltagstaugliche Camper-Van auf Basis der V-Klasse noch wohnlicher und praktischer. Vor allem aber entsteht der Ausbau nicht mehr bei Westfalia, sondern im Mercedes-Werk im brandenburgischen Ludwigsfelde südlich von Berlin. Das verspreche „höchste Qualität und schnelle Lieferzeiten“, so Mercedes. Vor der Messepremiere Ende August auf dem Caravan Salon Düsseldorf gewährten die Schwaben schon mal vorab einen Blick auf die Neuerungen.
Mit seinem stilvollen Design und kompakten Außenmaßen gilt der Marco Polo seit Jahren als eine Art Schnittstelle zwischen Familenwagen und Ferienwohnung: unter der Woche Van-Logistik, am Wochenende Camping-Realität. Genau an dieser Grundidee rüttelt Mercedes mit dem alltagstauglichen Glampingmobil mit Stern auf Basis der V-Klasse nicht. Neu ist die Konsequenz, mit der sich die Marke auf die feinen Punkte stürzt, die im Camper-Alltag über Wohlfühlen oder „geht schon“ entscheiden.
Denn beim Camping ist Technik selten Selbstzweck. Sie muss leiser, schneller, einfacher funktionieren, und zwar dann, wenn man müde ist, wenn es regnet oder wenn man auf einem Stellplatz steht, auf dem man nicht stundenlang herumprobieren will. Entsprechend klingen viele Updates unspektakulär, treffen aber genau die Stellen, an denen Besitzer im Camping-Alltag am meisten Zeit verbringen: im Dach, an Tischen, Schubladen und Bedienteilen.
Deutlich wird das beim weiterentwickelten Aufstelldach. Es besteht nun aus einer robusten und zugleich leichten Aluminium-Doppelschale. Das ist nicht nur eine Materialentscheidung, sondern ein Versprechen in Richtung Wettertauglichkeit: Stabilität, Isolation, weniger „Draußen“-Gefühl, wenn es nachts abkühlt oder morgens schon die Sonne aufs Dach brennt. Dazu kommt ein im hinteren Bereich um zehn Zentimeter erhöhter Faltenbalg. Zehn Zentimeter sind im Stehen kaum der Rede wert, im Liegen und Aufrichten aber ein kleines Komfort-Upgrade, das sich jeden Abend und jeden Morgen bezahlt macht.
Passend dazu setzt Mercedes auf ein neues Lichtkonzept. Rund um das Aufstelldach ist eine LED-Ambientebeleuchtung integriert, die zehn Lichtszenarien anbieten soll, vom kühlen, aktivierenden Licht bis zu warmen, wohnlichen Tönen. Wer schon einmal in einem Camper im Halbdunkel nach dem Ladekabel gesucht hat, versteht, warum Licht nicht bloß Stimmung, sondern Funktion ist. Und wer abends nicht ins grelle Deckenlicht kippen will, nimmt solche Abstufungen gern mit.
Der eigentliche Blick nach oben kommt mit einem neuen Schiebedach, das mehr Tageslicht und Luft in den Innenraum bringen soll (ab dem zweiten Halbjahr 2026). Nachts ermöglicht es den ungehinderten Blick in den Sternenhimmel. Das ist mehr als romantische Rhetorik, weil ein Dachfenster das Raumgefühl spürbar verändert und den Innenraum visuell öffnet. Auf einem ruhigen Stellplatz irgendwo an der Küste reicht ein aufgestelltes Dach, gedimmtes Licht und ein klarer Himmel – und plötzlich fühlt sich der Van größer an, als er ist.
Praktisch geht es beim Markisenkonzept weiter. Es wurde komplett überarbeitet, sodass die Markise nun flexibel montiert und demontiert werden kann. Klingt nach Werkstatt-Thema, zielt aber auf all die Waschanlagenbesuche, Parkhäuser oder enge Durchfahrten, wo außen montierte Komponenten schnell zur Einschränkung werden. Die Kurbel ist platzsparend und sicher direkt in der Markisenhalterung verstaut.
Für die Nacht und für Menschen, die auf Stellplätzen lieber selbst bestimmen, wie viel Einblick andere haben, gibt es ein neues Verdunkelungskonzept. Statt der bisherigen wenig premium-liken Abdeckung, die mit Druckknöpfen irgendwie an Front- und Seitenscheiben zurecht gefummelt werden musste, schotten nun magnetische Verbindungen das Cockpit mit wenigen Handgriffen ab. Auch beim akustischen Ambiente wurde nachgelegt. Mercedes spricht von einem neuen, speziell auf den Marco Polo abgestimmten Soundsystem mit acht Lautsprechern inklusive Subwoofer, das dank Bluetooth-Konnektivität selbst bei ausgeschaltetem Infotainmentsystem funktioniert. Eine dieser Lösungen, die man erst dann zu schätzen weiß, wenn man abends nicht die ganze Fahrzeugtechnik „wach“ halten muss, nur weil eine Playlist laufen soll.
Herzstück der Bedienlogik bleibt das seit 2019 eingesetzte Mercedes-Benz Advanced Control (MBAC). In der neuen Ausbaustufe lässt sich nun auch das neue Schiebedach sowie die LED-Ambientebeleuchtung im Aufstelldach und das aktualisierte Soundsystem zentral steuern, entweder über das Headunit-Display oder per MBAC-App auf dem Smartphone. Der Vorteil liegt buchstäblich auf der Hand: Wer im Bett liegt, will nicht aufstehen, um Licht oder Dach zu bedienen. Zu den weiteren Optimierungen zählen verbesserte Klapptische, optimierte Schubladenführungen, ein überarbeitetes Bedienpanel an der Sitzbank sowie eine Kühlbox, die weniger Energie zieht.
Bestellbar soll der neue Marco Polo zeitnah sein, zusammen mit der abgespeckten Version Horizon. Sie übernimmt die Neuerungen nahezu vollständig, verzichtet aber auf Küchenzeile und Kleiderschrank und richtet sich damit stärker an Wochenendtrips oder Kurzurlaube. Dennoch versteht Mercedes sie nicht als Sparversion, sondern als andere Gewichtung: weniger Möbel, mehr Variabilität, potenziell schneller wieder „Van“ statt „Wohnraum“. Das neue Markisenkonzept und die magnetischen Verdunkelungen fürs Cockpit sind auch hier verfügbar, dazu gibt es exklusiv für den Marco Polo Horizon eine ebenfalls magnetische Verdunkelungslösung für den Fond. Sicherheitstechnisch sind nun auch Windowbags von der A- bis zur D-Säule serienmäßig.
Die vielleicht größte Änderung findet allerdings nicht im Innenraum, sondern in der Produktion statt. Denn mit der Neuauflage des Marco Polo zieht Mercedes den Ausbau vom bisherigen Spezialisten Westfalia ab und überträgt es vollständig ins eigene Netzwerk. Die V-Klasse Basis entsteht weiterhin im spanischen Werk Vitoria, zum Marco Polo umgebaut wird der Van dann aber künftig im deutschen Mercedes-Benz Werk Ludwigsfelde in einer eigens dafür errichteten Produktionshalle mit neuer flexibler Fördertechnik. Mercedes argumentiert diesen Schritt mit Qualitätsstandards, Prozessnähe, mehr Flexibilität und kürzeren Lieferzeiten. Es bedeutet aber auch weniger Abhängigkeit von externen Ausbaupartnern, mehr Standardisierung und im besten Fall eine gleichmäßigere Fertigungsqualität.
Die Messepremiere für die überarbeiteten Modelle Marco Polo und Marco Polo Horizon ist vom 28. August bis 6. September auf dem Caravan Salon Düsseldorf geplant. Ein komplett neues Modell wird perspektivisch erst Ende der nächsten Dekade folgen, wenn Mercedes die neue Van-Architektur einführt. Künftig sollen neu entwickelte Mercedes-Benz Vans auf einer modularen, flexiblen Architektur basieren, auf der sowohl vollelektrische Modelle wie auch moderne Verbrenner entstehen. (aum)
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