Mercedes-Benz S-Klasse: Bringt den Stern zum Leuchten

Man muss nicht lange um den Wagen herumgehen, um zu verstehen, was Mercedes mit der Überarbeitung der S-Klasse bezweckt. Die Luxuslimousine bleibt in ihren Dimensionen unverändert, aber sie setzt neue Signale – und zwar solche, die man erst richtig wahrnimmt, wenn es dunkel ist. Denn erstmals bei einem Serienmodell leuchtet der aufrecht stehende Stern selbst. Gleichzeitig wächst der Grill und wird mit vielen dreidimensionalen Chromsternen akzentuiert. Das ist keine zufällige Spielerei, sondern ein bewusst gesetztes Zeichen: Hier soll niemand übersehen, wer da vorfährt.

„Es gab den Wunsch unserer Kunden, und zwar weltweit, noch mehr Status zu verkörpern, als die S-Klasse ohnehin schon hat“, sagt Mercedes-Benz‘ Marketing und Vertriebsvorstand Mathias Geisen zum wahrhaft erhellenden Auftritt. Der Satz ist bemerkenswert, weil er den Kern dieser Modellpflege trifft. Es geht nicht darum, das Auto völlig neu zu erfinden, sondern es in den Punkten zu schärfen, die im Luxussegment als kaufentscheidend gelten: Repräsentation, wahrnehmbarer Komfort und digitale Aktualität – ohne dabei das Grundprinzip der Souveränität zu stören, das diese Klasse traditionell ausmacht.

Geisen betont, bei der Überarbeitung generell stark auf Kunden gehört zu haben, vor allem im Innenraum. Dort geht es um handwerkliche Detailarbeit, um „noch mehr Zierteile, noch mehr Holz“, eine andere Abstimmung der Displays und digitaler Komfort, um das markentypische „Willkommen Zuhause“-Gefühl herzustellen, „auf das unsere Kunden großen Wert legen“. Zwischen den Zeilen steckt die Erkenntnis: Gerade in dieser Klasse ist die Material- und Anmutungsfrage offenbar kein Beiwerk, sondern Kernprodukt.

Zugleich wurde die Digitalisierung vorangetrieben, mit einem klaren Schwerpunkt. „In vielen Teilen der Welt ist die S-Klasse immer noch ein Chauffeursfahrzeug, deshalb sagen wir: Was hinter der B Säule kommt, ist von zentraler Bedeutung“, so Geisen Das ist nicht nur ein hübscher Satz, sondern eine strategische Setzung. Die S-Klasse soll nicht nur gefahren, sie soll genutzt werden: als rollendes Vorstandsbüro, als Rückzugsraum, als mobile Lounge. Videokonferenzen auf großen HD Screens mit Microsoft Teams, Zoom oder Webex gehören dazu. Aber auch Privatkunden sollen sich hier wohlfühlen. Zwei abnehmbare Fernbedienungen steuern Klima, Sitze und Entertainment, das über 33-Zoll-Displays in gestochen scharfer HD-Auflösung läuft. Streaming-Apps wie Disney+ oder Sony Pictures Entertainment lassen sich direkt abrufen und dank des Burmester-4D-Soundsystems mit Dolby Atmos vibriert die Musik buchstäblich bis in die Rückenlehnen.

Doch Mercedes will mehr als Luxus. Die Schwaben wollen zeigen, dass sie Software genauso beherrschen wie Leder und Lack. Herzstück des neuen Modells ist das eigens entwickelte Betriebssystem MB.OS, das auf einer neuen elektronischen Architektur basiert. Dieser „intuitive Supercomputer“ vernetzt alle Systeme, vom Antrieb über die Sensorik bis zum Infotainment, in einem gemeinsamen digitalen Nervensystem. Die neue Architektur ist zudem auf zukünftige Assistenzfunktionen ausgelegt. In Europa gehört der Drive Assist zur Serienausstattung, inklusive Abstands Assistent mit Lenk- und Spurwechsel Eingriff. Je nach Markt gibt es auch den Drive Assist Plus mit erweiterten Funktionen. Dafür hat Mercedes die Sensorik bis zu zehn Außenkameras, fünf Radarsensoren und zwölf Ultraschallsensoren entsprechend aufgerüstet. Sie arbeiten mit einem leistungsstarken Steuergerät zusammen, auf dem MB.OS läuft. Künstliche Intelligenz verarbeitet die Sensordaten, um die Verkehrssituation zu erfassen.

So gelingt dem Drive Assist jetzt auch das selbstständige Spurhalten, Ein- und sogar Schrägparken. Beim Verlassen enger Lücken hilft das System ebenso, auf Wunsch auch dann, wenn der Fahrer zuvor manuell eingeparkt hat. Später soll das Fahrzeug auch eine zuvor gefahrene Strecke automatisch rückwärts nachfahren können, was in verwinkelten Altstadtgassen sehr hilfreich sein kann. Die 360-Grad-Kamera liefert dabei ein so plastisches Bild, dass man fast glaubt, selbst außerhalb des Autos zu stehen.

Ein sichtbares Highlight der neuen Interieurgestaltung ist außerdem die neue Instrumententafel mit dem so genannten „MBUX Superscreen“. Er besteht aus einem 36,6 Zentimeter Zentraldisplay und einem 31,2 Zentimeter großen Beifahrerdisplay, als visuelle Einheit unter einer durchgehenden Glasfläche. Während der Fahrer klare Informationen bekommt, kann der Beifahrer – abhängig von Vorschriften – personalisiertes Entertainment nutzen, etwa Streaming, Spiele oder Apps. Eine kamerabasierte Sichtschutzfunktion soll den Beifahrerbildschirm so anpassen, dass der Fahrer möglichst wenig abgelenkt wird. Optional gibt es ein weiteres, 31,2 Zentimeter großes Kombi Instrument, das hinter dem Lenkrad zu schweben scheint.

Unter MB.OS zieht außerdem die vierte Generation des MBUX Infotainments ein, inklusive KI-Integration. Genannt werden ChatGPT 4o und Microsoft Bing ebenso wie Google Gemini, die erstmals in einem System zusammenarbeiten sollen. Der virtuelle Assistent versteht mehrstufige Gespräche, merkt sich Kontext und reagiert auf Stimmungen. Wenn man „Hey Mercedes“ sagt, erscheint auf dem Bildschirm ein frei wählbarer Avatar, wahlweise als menschlich wirkendes Ebenbild oder als Mini-Figur „LittleBenz“, die blinzelt, reagiert und mit Emotionen spielt. Sie fungiert – ganz offensichtlich eine Konzession an die chinesische Kundschaft – als digitaler Concierge, der Navigation, Musik und Einstellungen steuert oder auf Wunsch auch einfach plaudert.

Auch die Bedienlogik wurde angepasst. Die verbesserte Oberfläche zeigt nun kürzlich verwendete Apps, anpassbare Ordner und eine intuitive Wischnavigation. Dazu kommt ein App Portfolio von mehr als 40 Anwendungen in Kategorien wie Audio, Video, Produktivität und Entertainment, das weiter wachsen soll. Zur digitalen Bühne gehört auch das Navigations- und Anzeigeerlebnis auf Basis von Google Maps, ergänzt durch eine 3D Echtzeitdarstellung der Umgebung und ein Augmented Reality Head up Display, das Hinweise scheinbar direkt in die Fahrbahn projiziert.

Unter der Haube bleibt Mercedes bei seiner klassischen Antriebspalette. Der Achtzylinder im S 580 4MATIC leistet nun 537 PS (395 kW) und 750 Nm Drehmoment, eine leichte Steigerung gegenüber der Vorgängerversion. Beim überarbeiteten Sechszylinder-Benziner im S 450 und S 500 4Matic steigt das maximale Drehmoment auf 600 Nm, per Overboost auch auf bis zu 640 Nm, womit eine dynamischere Ansprache einher gehen soll. Verbesserte Isolationsmaßnahmen sollen außerdem das Geräuschniveau senken.

Die Plug in Hybrid Variante kombiniert den Sechszylinder mit einem kräftigen Elektromotor und soll rund 100 Kilometer elektrische Reichweite ermöglichen. Die Systemleistung steigt um bis zu 55 kW gegenüber der bisherigen Generation. Mercedes verspricht hier ein geschmeidigeres und spontaner reagierendes Fahrerlebnis. Und eer Diesel‑Sechszylinder im S 350 d und S 450 d arbeitet nun erstmals mit elektrisch beheiztem Katalysator, um strengere Abgasvorgaben zu erfüllen, ohne aber die Laufkultur zu opfern. Allen konventionellen Motoren gemeinsam ist das 48‑Volt‑System mit integriertem Starter‑Generator. Es unterstützt beim Anfahren, ermöglicht Rekuperation und soll für sehr sanfte Start‑Stop‑Vorgänge sorgen.

Komforttechnisch setzt die S‑Klasse weiter auf Luftfederung als Serie, optional auf die elektronische Wanksausgleich „E-Active-Bodycontrol“. Beide Systeme verfügen jetzt über die Funktion „Intelligent Damping“, die über Car‑to‑X‑Daten Unebenheiten wie Bodenwellen oder Schlaglöcher frühzeitig erkennt und die Dämpfung entsprechend anpasst. Das System nutzt Schwarmdaten aus anderen Mercedes‑Fahrzeugen, was den Komfort vor allem auf langen Strecken verbessern soll. Ergänzend dazu soll die Hinterachslenkung – nun serienmäßig mit 4,5 Grad und optional bis 10 Grad – Agilität und Stabilität verbessern. In der 10 Grad Konfiguration reduziert sie den Wendekreis der Langversion um fast zwei Meter und erleichtert Einparken, Manövrieren in schmalen Zufahrten und Abbiegen in der Innenstadt. Bei höheren Geschwindigkeiten lenken die Hinterräder parallel und stabilisieren.

Ab 30. Januar können Kunden die neue S‑Klasse online konfigurieren und bestellen. Den Einstieg in Deutschland macht der S 350 d 4MATIC ab 121.356 Euro oder als Leasing für 1020 Euro im Monat. Für Geschäftskunden geht es ohne Mehrwertsteuer ab 101.980,00 Euro los.

So steht am Ende eine Modellpflege der S-Klasse, die zwei Dinge gleichzeitig tut: Sie liefert sichtbare Status-Signale – leuchtender Stern, stärkerer Grill – und sie zieht die digitale Infrastruktur unter der luxuriösen Erscheinung neu ein. Mercedes erfüllt damit Kundenwünsche und baut sein Flaggschiff dort aus, wo es traditionell schon immer punktet: im Komfort, im Fond und in der technischen Souveränität – die man nun nachts schon von weitem erkennt. (aum)

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Mercedes-Benz S-Klasse und Autor Frank Wald.

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