Es ist wohl eine der legendärsten Fehleinschätzungen der Automobilgeschichte: Als Volkswagen den Golf GTI im Jahr 1976 auf den Markt brachte, war lediglich eine Kleinserie von 5000 Exemplaren vorgesehen. Doch schon im ersten Jahr verkauften die Händler mehr als 50.000 Modelle. Die drei Buchstaben – GTI, die Kurzform für Grand Tourisme Injection – wurden für VW zur Erfolgsformel und zu einer Goldgrube. Bis heute, 50 Jahre nach dem Debüt, kletterte die GTI-Produktionszahl auf rund 2,5 Millionen.
An all das war 1975 nicht zu denken, als eine kleine Gruppe von Eingeweihten in Wolfsburg an einem „Sport-Golf“ tüftelte. Noch im gleichen Jahr hatte der Wagen auf der IAA in Frankfurt seinen ersten öffentlichen Auftritt. Spätestens aber bei seinem Marktstart im Jahr 1976, vor 50 Jahren, zog der Wagen die Menschen in seinen Bann: 110 PS, 182 km/h Höchstgeschwindigkeit, von 0 auf 100 km/h in 9,2 Sekunden – Werte, die zu dieser Zeit für Staunen sorgten. Warum? Der Golf GTI, mit dem Motor des Audi 80 GTE ausgestattet, war zu der Zeit fast genauso sprintstark wie der damalige Porsche 911 (G-Modell: 8,5 Sekunden). Allerdings gab es diese Rasanz beim GTI für einen Basispreis von 13.850 D-Mark, also etwa für die Hälfte der Summe, die ein 911er kostete (26.980 Mark). Der GTI demokratisierte so gesehen die linke Spur auf der Autobahn. Und auch optisch machte der Sport-Golf einiges her. Der rote Rahmen um den Kühlergrill, die schwarzen Radhausverbreiterungen, die karierten Sitzbezüge und ein Golfball als Schaltknauf wurden zu Markenzeichen des neuen Publikumslieblings.
Befeuert von seinem Verkaufserfolg, entpuppte sich der Golf GTI auch als Begründer einer neuen Fahrzeugklasse: der Kompaktsportwagen, auch Hot Hatches genannt. In diesem Segment kamen im Laufe der Jahre zahlreiche Modelle auf den Markt: Honda Civic Type R, Ford Fiesta ST, Toyota GR Yaris, Mercedes A45 AMG – um nur einige zu nennen. Doch um kein anderes Modell dieser Klasse scharte sich eine so große Fangemeinde wie um den Golf GTI.
Sichtbar war das über Jahrzehnte beim großen GTI-Treffen am Wörthersee in Österreich, das erstmals im Jahr 1982 stattfand. Ein ortsansässiger Gastronom wollte seinerzeit Touristen in die malerisch am Wörthersee gelegene Gemeinde Reifnitz locken, und lud zum ersten GTI-Treffen. Im ersten Jahr folgten gerade mal knapp 100 Menschen der Einladung. Doch allmählich entwickelte sich daraus eine der größten PS-Partys überhaupt. 1985 beispielsweise trat die österreichische Formel-1-Legende Niki Lauda als Redner auf. Die Veranstaltung boomte. Reifnitz wurde zur GTI-Hochburg und Jahr für Jahr rund um Christi Himmelfahrt von Tuningbegeisterten geradezu überschwemmt. Zwischenzeitlich reisten 200.000 GTI-Fans an den Wörthersee. 1987 wurde in Reifnitz sogar ein Golf-GTI-Denkmal aus Granit errichtet.
Das GTI-Treffen wuchs und wuchs. Und parallel wuchsen auch die Begleiterscheinungen. Quietschende Reifen, bollernde Auspuffanlagen, der massive Alkoholkonsum einiger Besucher, die Müllberge und auch die tanzenden Go-Go-Girls, die schließlich Teil des männlich dominierten Events wurden, erregten immer größeren Widerspruch. In den 2000er-Jahren schließlich stieg Volkswagen als Sponsor ein. Das Treffen wurde zum Volksfest: mit großer Veranstaltungsbühne, auf der Künstler wie die Fantastischen Vier, Peter Maffay und DJ Ötzi auftraten. Die Corona-Pandemie und die anhaltenden Proteste der Ortsansässigen bedeuteten schließlich jedoch das Ende der GTI-Partys am Wörthersee. Seit 2024 findet die Veranstaltung in Wolfsburg statt.
Doch nicht nur die GTI-Community, auch das Modell selbst wandelte sich im Laufe der Jahrzehnte. Stets standen für die Entwickler Performance und Geschwindigkeit an erster Stelle. 1986 trat das Sportmodell mit einem neuem Vierventil-Motor, 129 PS Leistung und Katalysator an. 1990 debütierte der GTI G60 mit G-Lader und 160 PS Leistung. 2016 stellte VW den Golf GTI Clubsport S vor: ein auf 400 Exemplare limitiertes Sondermodell, das für die Bedingungen auf der berühmten Nürburgring-Nordschleife entwickelt worden war. Mit einer Zeit von 7:47,19 Minuten wurde der Kompakte damals zum Schnellsten seiner Klasse. Der Wagen erhielt den 310 PS starken Turbomotor, der auch im Audi TT S zum Einsatz kam, das Interieur wurde radikal reduziert und der Wagen erhielt eine besonders leichte Bremsanlage. Am Ende wog der Super-GTI weniger als 1300 Kilogramm. Er schaffte in der Spitze 265 km/h und beschleunigte in 5,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Eine Rennmaschine, die nur noch wenig mit einem klassischen Golf zu tun hatte. In Deutschland jedoch kam das gut an, allein 100 der insgesamt 400 Exemplare wurden im Heimatmarkt verkauft.
Noch heute setzt VW mit dem GTI Bestmarken. Zum 50-jährigen Jubiläum des Modells präsentierte VW den bis dato leistungsstärksten Vertreter der drei Buchstaben. Der neue VW Golf GTI Edition 50 bringt es auf 325 PS. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 5,3 Sekunden. Auch bei der Spitzengeschwindigkeit legt das Jubiläumsmodell noch einen drauf: 270 km/h. Bereits im vergangenen Jahr schickte VW den Wagen durch die „Grüne Hölle“. In 7:46,13 Minuten fegte das Auto um die Nordschleife und ist damit der schnellste Serien-Golf, der bislang über die Rennstrecke raste. Der Preis des GTI Edition 50: 54.540 Euro.
GTI – diese drei Buchstaben sind längst Teil der DNA von Volkswagen. Neben dem Auto gibt es auch Bausätze, Schlüsselanhänger, Becher, Hoodies, Tassen, T-Shirts, Badetücher, Taschen, Westen und Tennissocken mit GTI-Schriftzug. Und außer dem Golf trugen auch andere Baureihen das ikonische Kürzel: etwa die ehemaligen Kleinstwagen Lupo und Up oder auch der Kleinwagen Polo. VW bereitet derweil den nächsten großen Wurf vor. Denn mit dem ID Polo GTI steht der erste vollelektrische GTI in den Startlöchern. Der GTI-Kult dürfte also auch die Elektro-Transformation überstehen.
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