Phil Collins verlässt Genesis, Oliver Bierhoff schießt Deutschland mit seinem Golden Goal zum Fußball-Europameistertitel, Michael Schumacher wechselt zu Ferrari: das Jahr 1996 hatte vieles zu bieten – und auch aus automobiler Perspektive. Denn verglichen mit dem, was die Autohersteller heutzutage als Neuheiten präsentieren – vor allem ein SUV nach dem nächsten – war 1996 ein Festival automobiler Vielfalt. Vom Roadster bis zum Familienvan war alles dabei unter den Modellneuheiten. Nun werden diese Baureihen 30 Jahre alt und sind im nächsten Jahr reif das H-Kennzeichen, das Kosten bei Kfz-Steuern und Versicherung spart.
Sucht man nach dem angesagten Karosserietyp der 90er Jahre, so landet man nicht beim SUV, sondern beim Roadster. Mazda hatte mit dem MX-5 bereits 1989 vorgelegt, BMW folgte mit dem Z3 im Jahr 1995. Und 1996 zogen Mercedes und Porsche nach. Da war zum einen der Mercedes SLK: ein Roadster mit einem elektrisch versenkbaren Klappdach aus Metall. Der SLK war das erste Mercedes-Modell mit diesem „Vario-Dach“, wie die Stuttgarter die Konstruktion nannten. Innerhalb von 25 Sekunden verschwand die Konstruktion vollautomatisch im Kofferraum, oder entfaltete sich wieder über dem Innenraum. Die erste Baureihe des SLK war ein großer Erfolg, bis zum Jahr 2004 liefen mehr als 311.000 Exemplare vom Band.
Auch Porsche setzte 1996 auf die Roadster-Welle. Mit dem Boxster wollten die Zuffenhausener die damals schwelende Absatz- und Ertragskrise beenden. Und der Boxster, ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen Boxermotor und Roadster zusammensetzte, wurde für Porsche zum Erfolgsmodell: auch weil es gelang, den Zweisitzer mit etlichen Gleichteilen aus dem Baukasten des Porsche 911 zu fertigen. Vorderwagen und Türen etwa waren bei beiden Modellen identisch, was die Produktionskosten senkte. Gleichzeitig sprach Porsche dank des günstigeren Preises mit dem Boxster auch eine jüngere Kundschaft an. Viele sahen in dem Roadster mit wassergekühltem Sechszylinder-Boxer die Fortführung des Klassikers 550 Spyder aus den Fünfzigern.
Ende der 1950er-Jahre hatte die tschechische Marke Skoda erstmals einen Octavia im Angebot. Der neue Octavia, der 1996 auf dem Markt kam, hatte mit dieser ersten Limousine, die bis 1971 gebaut wurde, jedoch nur noch den Namen gemein. Der erste Octavia der Neuzeit, gebaut auf der gleichen Basis wie der VW Golf, sollte der erste große Wurf nach der Übernahme von Skoda durch Volkswagen 1991 werden. Daher wandte sich das Unternehmen an die Design-Ikone Giorgetto Giugiaro, doch sein Entwurf wurde als „zu italienisch“ abgelehnt. Anstelle Giugiaros übernahm der damals neue Skoda-Chefdesigner Dirk van Braeckel aus Belgien die Formgebung, und landete einen Treffer. Die erste Generation wurde rund 1,3 Millionen Mal gebaut. Heute, mittlerweile in vierter Generation, ist der Octavia noch immer das meistverkaufte Modell der Marke.
1996 war das Jahr der VW-Golf-Ableger. Auch Audi brachte vor 30 Jahren ein Fahrzeug auf Golf-Basis auf die Straße. Der A3 war nun der Wagen für all jene, denen ein VW Golf zu schnöde war. Er war zwar preislich oberhalb des VW-Modells angesiedelt, musste sich aber dennoch erstmal hinter dem Golf anstellen. Denn aus Rücksichtnahme auf den neuen Golf IV, der 1997 debütierte, kam der A3 anfangs nur als Dreitürer auf den Markt. Erst im März 1999 folgte eine Variante mit fünf Türen.
Nicht nur komplett neue Modelle brachten frischen Wind ins Angebot des VW-Konzerns, sondern auch Neuauflagen bereits bestehender Modellreihen. So debütierte 1996 die fünfte Generation des VW Passat (B5). VW behob mit dieser Modellversion ein Manko, das zuvor zunehmend für Probleme gesorgt hatte: Rost. Um dem künftig vorzubeugen, wurden die Bleche nun verzinkt. VW gab selbstbewusst elf Jahre Garantie gegen Durchrostung für den damals neuen Passat.
Beim VW-Konkurrenten Renault aus Frankreich drehte sich 1996 alles um die neue Familienkutsche Scénic. Der kompakte Van wurde auf Basis des Mégane gestaltet und gefertigt. Und zwar von innen nach außen. Komfort und Alltagsnutzen sollten im Vordergrund stehen. Anstelle einer durchgehenden Rücksitzbank hatte der Wagen zum Beispiel drei Einzelsitze im Fond, die sich auch einzeln herausnehmen ließen. Das toppte die ebenfalls 1996 vorgestellte Mercedes V-Klasse. Sie verfügte über gleich vier Einzelsitze, die sich variabel anordnen und herausnehmen ließen. Mit ihnen war es sogar möglich, dass sich die Fondpassagiere während der Fahrt gegenübersaßen.
Ebenfalls neu auf den Markt kam 1996 der Hochdachkombi Berlingo aus dem Hause Citroën. Erkennbar sind die ersten Modelle an dem, was fehlt: nämlich Schiebetüren. Denn anfangs war der Berlingo nur als Zweitürer erhältlich. Die Schiebetüren bekam der Hochdachkombi erst vier Jahre später.
Auch für Allrad-Fans brachte das Jahr 1996 drei interessante Modelle. Zum einen die neue Generation des Jeep Wrangler (TJ), die ab 1996 erstmals mit Airbags und ABS verfügbar war; dann die neunte Generation des Toyota Land Cruiser (J9); und schließlich stellte Mitsubishi noch den neuen Pajero Sport vor.
Und dann war da noch der Ford Ka. Ein Autoknirps, der als Zweitwagen für die Stadt konzipiert war. Am „New-Edge-Design“, das von zahlreichen Rundungen und Schwüngen geprägt war, schieden sich die Geister. Den Verkaufszahlen tat das keinen Abbruch. Obwohl der Wagen erst ab November '96 ausgeliefert wurde, landete er in Deutschland bereits in den Top-20 der meistverkauften Fahrzeuge des Jahres 1996. Das lag vermutlich vor allem am günstigen Einstiegspreis von 14.100 D-Mark. Es folgten jedoch auch zahlreiche teurere Varianten und Sondermodelle, darunter auch die luxuriöse „Edition Lufthansa“ mit hellgrauen Ledersitzen im Stil der Airline.
Schließlich debütierte 1996 auch der Honda CR-V in Deutschland: ein SUV. Und so ein Auto war, heute klingt das schier unglaublich, zu dieser Zeit noch eine Seltenheit. So trug auch Honda zur Vielfalt auf dem Pkw-Markt bei. Optisch zeigte der CR-V einige Geländewagen-Anwandlungen, etwa das an der Heckklappe befestigte Ersatzrad, das an der zur Seite hin sich öffnenden Heckklappe angeschlagen war. Zudem konnte die Bodenplatte im Kofferraum zum Campingtisch umfunktioniert werden.
Kleinstwagen, Kompaktvan, Roadster, Familienauto, Allradler und SUV – was ist von der Vielfalt geblieben? Modelle wie der SLK von Mercedes oder der Ford Ka wurden eingestellt. Bis heute geblieben sind die Golf-Ableger Audi A3 und Skoda Octavia. Und auch die SUV haben überdauert. Den Honda CR-V gibt es heute in sechster Generation. Und aus dem Renault Scénic ist mittlerweile ein elektrisches – na? – SUV geworden. (aum)
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