Kia hat seinen jüngsten Coup schon vor dem offiziellen Marktstart gelandet: Mit einer Rekordfahrt des PV5 Cargo holte sich die Marke einen Guinness-Eintrag – wenn auch in einer Disziplin, die vorher noch niemand belegt hatte. Auf der Nutzfahrzeugmesse Solutrans in Lyon (–22.11.) präsentierten die Koreaner nun die nächste Ausbaustufe ihrer „Platform Beyond Vehicle (PBV)“-Strategie. Mit dem PV5 Chassis Cab, dem ersten vollelektrischen Fahrgestell mit Fahrerhaus im eLCV-Segment, will Kia die Konkurrenz aufmischen, nachdem sie sich im Pkw-Segment mit ihren EV-Modellen zu den Größen im Elektromobilitäts-Geschäft entwickelt haben. „Und jetzt sind wir bereit, dieselbe Innovationskraft und denselben Weitblick einzusetzen, um das Segment der leichten Nutzfahrzeuge neu zu definieren“, so Marc Hedrich, Präsident und CEO von Kia Europa, bei der Vorstellung in Lyon.
Warum gerade jetzt der Einstieg in die Welt der E-Lieferwagen? Hedrichs Antwort ist so spontan wie nachvollziehbar. „Weil sich der Markt verändert. E-Commerce verändert die Logistik. Unternehmen verschärfen die Emissionsregeln, und Betriebe verlangen intelligentere, stärker vernetzte Lösungen.“ Er sieht bis 2030 einen europäischen LCV-Markt von 2.350.000 Einheiten heranwachsen – mit einem Elektromobilitätsanteil von rund 40 Prozent. Um dafür gerüstet zu sein, sollen bis Jahresende 2100 Händler in Europa PBV-Modelle verkaufen oder warten können, ergänzt durch 750 spezialisierte PBV-Zentren. Parallel dazu debütieren in Lyon die Kia Business Solutions – ein neues Ökosystem rund um Konnektivität und Ladedienste, das Flottenbetreibern mehr Effizienz ermöglichen und Firmenkunden den Umstieg auf Elektroantriebe erleichtern soll.
Der PV5 basiert auf der eigens entwickelten E-GMP.S-Plattform und ist auf einfache Umrüstung, hohe Effizienz und konsequente Elektrifizierung zugeschnitten. Trotz kompakter Außenmaße (4,61 Meter, mit Unterfahrschutz 4,87 Meter) stemmt der Transporter bis zu 1005 Kilogramm Nutzlast und bietet im hohen Kastenaufbau ein Volumen von bis zu 8 Kubikmetern. Damit bewegt er sich auf dem Niveau größerer D-Segment-Transporter, bleibt aber mit seinem Wendekreis von 11 Metern äußerst citytauglich.
Besonders vielfältig zeigt sich das neue Chassis Cab, das in enger Zusammenarbeit mit europäischen Umrüstern entstanden ist. Es dient als Grundlage für eine breite Palette professioneller Aufbauten – von der Pritsche für Bau und Landwirtschaft über Kippervarianten bis zu Kühl- und Kastenwagen für Paketdienste. „Wir haben eng mit Umrüstern, Flottenmanagern und Unternehmen zusammengearbeitet, um den PV5 Chassis Cab zu einer Basis für alle Möglichkeiten zu machen“, sagt Sjoerd Knipping, COO von Kia Europa. Wie das geht, zeigt ein umgebauter Foodtruck auf Basis des PV5, der Messebesuchern Kaffee und „Brioches aux pralines roses“, ein traditionelles Gebäck aus Lyon, anbietet.
Angetrieben wird der frontgetriebene PV5 Chassis Cab zunächst von einer 51,5-kWh-Batterie; 2026 folgt ein 71,2-kWh-Langstreckenakku. Die Reichweite hängt vom Aufbau ab, doch der kürzlich vorgestellte PV5 Cargo L2H1 liefert eine erste Orientierung. Mit einer Akkuladung kann er in der Ausführung mit Standardbatterie bis zu 297 Kilometer und mit der Langstreckenbatterie bis zu 416 Kilometer weit fahren (jeweils nach WLTP).
Wie weit es im Idealfall gehen kann, zeigte der PV5 vor Kurzem auf spektakuläre Weise. Ein PV5 Cargo mit Langstreckenakku, vier Türen und maximaler Zuladung (665 kg) fuhr 693,38 Kilometer am Stück – genug für den erwähnten Guinness World Record. Der Eintrag würdigt „die größte Entfernung, die ein batteriebetriebener leichter Elektrotransporter mit maximaler Nutzlast mit einer einzigen Ladung zurückgelegt hat“.
Beim Wiederauffüllen der Akkus setzt Kia auf die bekannte 400-Volt-Technik. An Schnellladesäulen sollen damit bis zu 150 kW möglich sein, mit denen der Energiespeicher in rund 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent gefüllt sein soll. Später soll auch noch 22-kW-AC-Laden möglich sein. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Flexis, ein Joint Venture von Renault, Volvo und einem französischen Logistikriesen, stellte ebenfalls in Lyon eine neue Elektrotransporter-Familie mit 800-Volt-Architektur vor, die doppelt so schnelle Ladezeiten verspricht. Ein Vorgeschmack darauf zeigte sich nur wenige Meter weiter auf dem Renault-Stand, wo der neue Trafic E-Tech enthüllt wurde. Auf den Markt kommt dieses Modell allerdings erst ab Ende 2026 – mitsamt künftiger Fahrgestellvarianten.
Bis dahin soll Kias PBV-Linie längst auf europäischen Straßen unterwegs sein. Das Chassis Cab kann in Deutschland ab sofort ab 32.000 Euro bestellt werden. 2025 folgen weitere PV5-Ausführungen mit längerem Radstand und Hochdach, 2027 kommt der größere PV7 und 2029 dann der PV9 als Abschluss der elektrischen Transporterfamilie. „Kia ist in den LCV-Markt eingetreten, nicht nur um mitzuhalten, sondern um ihn neu zu definieren“, betont Marc Hedrich. (aum)
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