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Exklusiv: Autonomes Fahren: Verstörende Forschungsergebnisse

Die Zukunft des Automobils ist autonom, so ist von Medien, Industrie und Investoren zu hören. Bald schon werden wir zu Passagieren im selbstfahrenden Auto, das uns sicherer, sauberer und bequemer denn je von A nach B bringen wird, ohne dass wir nur einen Handschlag tun müssen. Auch die Politik steht hinter der großen Vision: Im Juni 2017 formulierte niemand geringeres als die Bundeskanzlerin, man werde in 20 Jahren nur noch mit Sondererlaubnis selbständig Auto fahren dürfen.

Die Pläne sind ambitioniert, aber es ist noch viel zu tun zu tun: Jetzt hat den USA eine Gruppe von Forschern der Software-Firma McAfee, die sich unter anderem mit digitalen Bedrohungsszenarien beschäftigt, demonstriert, wie leicht es ist, die vermeintlich unfehlbaren Sensoren zu überlisten. In einer am 19. Februar 2020 publizierten Studie legen die Autoren Steve Povolny und Shivangee Trivedi dar, wie der getestete Eye3-Sensor der renommierten Firma „MobilEye“ nicht nur mit digitalen Angriffen, sondern mit einfachen Manipulationen in Form unauffälliger Aufkleber an der Nase herumgeführt werden kann.

Als Testfahrzeug diente dabei ein Tesla Model S; der gleiche Sensor wird übrigens auch bei Cadillac, Audi, Volvo und Nissan verbaut. Bei den Tests ist es den Forschern gelungen, der Software weiszumachen, es handele sich bei einem – für das menschliche Auge verzögerungsfrei und ohne Zweifel so identifizierbaren – Stoppschild in Wahrheit um ein Schild, das ein Tempolimit von 35 mph (55 km/h) ausweist.

Im Verlauf der Testreihen schafften es die Forscher zudem, mit einem weniger als vier Zentimeter langen, für das Auge kaum sichtbaren Aufkleber, der die Mitte der „3" verlängerte, das System zur sicheren Annahme zu verleiten, bei einem 35-Meilen-Schild handele es sich um ein 85-Meilen-Tempolimit.

Diese Fehlinformation wurde vom Tesla unverzüglich in die Assistenzsysteme eingesteuert und umgesetzt: Die schwere Limousine zog verzögerungsfrei in Richtung 85 mph hoch – das sind fast 140 km/h. Das menschliche Auge, wohlgemerkt, konnte das leicht manipulierte Schild problemlos mit korrekten 35 mph identifizieren, eine Fehlinterpretation war ausgeschlossen.

Die hochanfälligen Systeme haben übrigens bereits für Todesopfer gesorgt: Im Jahr 2018 überfuhr ein autonomes Volvo-Testfahrzeug der Firma Uber eine querende Fahrradfahrerin, im gleichen Monat steuerte ein Tesla Model X in eine Barriere und brachte seinen Fahrer um. Die vermeintlich „autonomen" Fahrzeuge bewegen sich frei im Verkehr, und die Sicherungsmechanismen, die den Fahrer zu Aufmerksamkeit zwingen sollen, lassen sich vor allem bei Tesla leicht überlisten.

Zu den Kritikern der Hochrisiko-Strategie zählt nach langem Schweigen jetzt auch das amerikanische National Transportation Safety Board (NTSB): Bei einer Anhörung am 25. Februar 2020 kritisierte Robert Sumwald, Präsident der Regierungsagentur, dass Tesla die Sicherheitsempfehlungen der Agentur – im Gegensatz zu anderen Herstellern – völlig ignoriert habe. NTSB-Vizepräsident Bruce Landsberg bezeichnete das „Autosteer"-System von Tesla als „völlig inadäquat".

So fragwürdig die Vision autonomer Fahrzeuge ist, so real sind die Risiken: Der Manipulation ist Tür und Tor geöffnet, die von den McAfee-Forschern getesteten Szenarien sind hochgefährlich. Da ist die Frage, wer den Strafzettel bezahlt, wenn das kluge neue Auto souverän durch Kreuzung rauscht oder Rekordtempo durch das Wohngebiet navigiert, noch das kleinste Problem. (ampnet/jm)

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Jens Meiners.

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