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Hubert Waltl im Interview: VW bis 2018 Marktführer bei E-Mobilität

Hubert Waltl ist Volkswagens Markenvorstand für Produktion und Werke. 1973 startete der Diplom-Ingenieur, gelernter Werkzeugmacher und Maschinenbautechniker seine Karriere bei Konzerntochter Audi. Unser Autor Tim Westermann sprach mit dem bekennenden Fan klassischer Automobile über Baukastenstrategie und künftige Ausrichtung der VW-Produktion.

An welche Ereignisse und Projekte in Ihrer Zeit in der Automobilindustrie erinnern Sie sich besonders gern zurück?

„Jeder Produktanlauf ist etwas besonders und hat auch seine eigenen Tücken. Man ist immer stolz, wenn man ein Fahrzeugprojekt erfolgreich auf die Straße gebracht hat. Etwas ganz Besonderes ist für mich der erfolgreiche Anlauf unseres US-Passat. Eine völlig neu aufgebaute Fabrik, neue Mitarbeiter und neue Lieferanten mit einem neuen Produkt – so etwas hat in der Summe eine sehr hohe Komplexität. Dass der Passat aktuell einen bedeutenden Vergleichstest gegen seinen größten Wettbewerber gewonnen hat, ist daher eine besonders große Belohnung für all die Arbeit, die wir in Chattanooga investiert haben. „

Welche Kenntnisse aus Ihren bisherigen Karriere-Stationen sind für Ihre aktuellen Aufgaben besonders hilfreich?

„Es ist wichtig, dass ich – angefangen mit meiner Werkzeugmacher-Lehre – bereits verschiedenste Stationen im Produktionsprozess durchlaufen konnte. So hatte ich die Chance, bereits sehr früh im Entwicklungsprozess eines Automobils mitarbeiten zu können. Design, Machbarkeitsstudien bis hin zu komplexen Planungsaufgaben begleiteten mich auf meinem gesamten beruflichen Weg. Eine wesentliche Erfahrung dabei war für mich, die Bedeutung jedes Einzelnen am Gesamterfolg eines Teams zu erleben. Eine Erkenntnis hat sich auf diesem Wege jedoch immer wieder bewahrheitet: Absolute Leidenschaft für die Aufgabe ist essentiell für ein perfektes Ergebnis.“

Volkswagen produziert global. Welche Region besitzt Ihre besondere Aufmerksamkeit und warum?

„Unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung richtet sich in besonderem Maße immer dorthin, wo wir unsere aktuellen Produktanläufe haben. Im Frühjahr stand der Standort Osnabrück mit dem neuen Golf Cabriolet im Fokus. Momentan sind es die USA und Mexiko mit den Anläufen des US-Passat und des Beetle. In Chattanooga fahren wir derzeit sogar über dem Programm. Soll heißen: Wir fahren eine steilere Anlaufkurve als ursprünglich geplant. Der Wagen ist ein echter Erfolg in den USA.“

Eine Ferdinand Piëch-These lautet: „Für eine gute Besetzung halte ich nur jemanden, der sich stark mit der Zukunft auseinandersetzt. Eine Zukunftsschiene ist sicherlich Vertrieb und Marketing, und Technik ist die andere. Wo sehen Sie das größte Potenzial für Veränderungen in Ihrem Bereich?

„Es gibt aus Sicht der Produktion der Marke Volkswagen zwei wesentliche Punkte zu nennen: Erstens optimieren wir gerade unsere gesamten logistischen Prozesse. Zweitens sind wir dabei, unseren Modularen Produktionsbaukasten (MPB) in die Fertigung zu implementieren. Der MPB baut auf unserer modularen Baukastenstrategie auf und bietet im Bereich Produktion das größte Potenzial für die Zukunft. Das erlaubt uns künftig ganz andere Flexibilität in den Werken, bei den Stückzahlen und für die Marken. Damit haben wir etwas Einzigartiges entwickelt, einen echten Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb.“


Der Up als Einstiegs-Modell und der Phaeton als Luxus-Modell: Damit deckt die Marke nahezu alle Segmente ab. Wie begegnet Volkswagen dem immer wichtiger werdenden Bereich Elektrifizierung beim Produktionsprozess der entsprechenden Modelle?

„Wir haben uns intensiv auf die Elektrifizierung vorbereitet und gehen nun schrittweise vor: Bereits heute haben wir mit dem Volkswagen Touareg ein Hybrid-Modell mit zusätzlichem E-Antrieb auf dem Markt und darüber hinaus eine E-Golf Erprobungsflotte aufgebaut. 2013 wird ein Schlüsseljahr für Volkswagen in der Elektromobilität sein, denn dann folgen mit Up und Golf zwei weitere Volkswagen. Bis 2018 wollen wir somit auch Marktführer in der E-Mobilität sein. Wir werden unsere Konzepte weiterentwickeln und Schritt für Schritt lernen. Seitens der Produktion müssen wir darauf achten, dass wir das ganze Thema in den neuen Fabriken mit installieren. Wir brauchen entsprechende Prüftechnologien, spezielle Schulungen für die Mitarbeiter. Es werden sich auch die Fachkompetenzen an dieser Stelle verschieben. Es ist eine Reihe von Dingen, auf die wir im Bereich Produktion achten müssen. Wir sind aber auf einem sehr guten Weg.“

Der XL-1 ist ein weiteres Modell mit Verbrennungsmotor und zusätzlichem Elektro-Antrieb. Er soll nach Aussage von Professor Winterkorn demnächst in einer Kleinserie gefertigt werden. In Quatar kursierten Anfang dieses Jahres Gerüchte, dass Dresden und Wolfsburg geeignete Optionen sind. Wo liegen die Vorteile der jeweiligen Produktionsstätten?

„Jeder Standort hat seine individuellen Vor- und Nachteile. Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen. Zunächst müssen wir uns sicher sein, welche Stückzahlen und welche Laufzeiten wir für dieses tolle Auto sehen.“

„Dr. Ulrich Hackenberg sagte vor kurzem: In Asien und Südamerika gibt es Interesse, auf Basis des Up angepasste Fahrzeuge für diese Märkte zu generieren. Wie werden die Volkswagen-Werke auf die zunehmende Nachfrage nach Fahrzeugen aus dem A00-Segment reagieren?

„Wenn der Markt es fordert können wir global in jedem Werk entsprechend reagieren. Wir haben den up! zunächst als Europa-Auto entwickelt. Die New Small Family bietet aber zudem eine technische Basis, die auch für andere Märkte interessant ist.“

Ist der Up in naher Zukunft ein Thema für die Produktion in Indien?

„Dies wird derzeit untersucht. Hier geht es ja auch um hohe Investitionen, da müssen wir uns ganz sicher sein.“

Volkswagen ist derzeit auf einem deutlichen Wachstums- und Expansionskurs. Welche Auswirkungen hat dies auf die weltweiten Fertigungsstandorte?

„Wir bereiten unsere Standorte derzeit darauf vor, künftig noch flexibler eine Vielzahl an Modellen produzieren zu können. Wir gewährleisten dies auch über das so genannte Drehscheibenkonzept. Das bedeutet: je nach Bestellsituation unserer Modelle können wir schnell und prozesssicher an verschiedenen Standorten eine ausgewogene Produktion gewährleisten, um so Nachfragespitzen schnell und in Top-Qualität erfüllen zu können.“
Stichwort Logistik: Volkswagen versucht Produktionsstätten zu bauen, die auf die jeweiligen Regionen abgestimmt sind, mit dem Ziel deren spezifische Vorteile zu nutzen. Wie schaffen Sie es, sowohl die Zulieferstruktur, als auch die im Konzern einheitlichen Arbeitsschritte in der VW-Produktion unter einen „einheitlichen“ Volkswagen Marken-Hut zu bekommen?

„Wir haben verschiedene Programme, um dies sicherzustellen. So schulen wir in unseren Fabriken die Belegschaft zur „Liebe zum Detail“. Je nach Region definieren die Menschen den Begriff Qualität landestypisch anders. Wir transferieren diese regionale Denkweise in speziellen Schulungen rund um das Thema Auto. Letztendlich erkennt dann jeder Mitarbeiter in der Produktion, worauf es beim Thema Qualität ankommt. Bei unseren Lieferanten sorgen wir für einen wirtschaftlichen Kapazitätsaufbau. Zusätzlich entwickeln wir zwölfmonatige Bedarfs-Vorschauen, um unseren Lieferanten eine bessere Steuerung der Teileproduktion zu ermöglichen.“

Was wird sich in den Produktionsprozessen grundlegend ändern, wenn der Querbaukasten eingeführt wird?

„Wir erreichen damit mehr Effizienz. Durch die Einführung des modularen Querbaukastensystems steigern wir Produktivität und Flexibilität gleichermaßen und werden in den kommenden Jahren mehr unterschiedliche Fahrzeuge auf den Markt bringen können, als bisher. Der MQB steht allen Konzernmarken zur Verfügung und eignet sich gleichzeitig für alle Antriebsarten.“

Durch die Baukastenstrategie ist eine Kostenersparnis von rund 20 Prozent möglich. Die Fertigungszeit lässt sich um rund 30 Prozent kürzen. Werden die VW-Werke dann künftig immer noch in 100-Prozentiger Auslastung fahren?

„Wir wünschen uns immer noch mehr (lächelt). Ausschlaggebend dafür dürften aber besonders eine weiterhin positive Entwicklung in China, Indien und Russland sowie die Erholung der japanischen Wirtschaft sein. Wir behalten die konjunkturelle Entwicklung sehr genau im Blick und setzen unverändert auf Augenmaß. Studien zeigen, dass die deutsche Automobilindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität weiter gesteigert hat und damit für konjunkturelle Schwankungen gerüstet ist. Das gilt insbesondere für den Volkswagen Konzern mit seiner breiten globalen Aufstellung und seinem flexiblen Produktionssystem.“

Wo hat der Wettbewerb im Vergleich mit Volkswagen im Bereich Produktion Vorteile?

„Wir haben unseren eigenen Weg. Wenn wir uns konsequent auf unsere Stärken konzentrieren und diese umsetzen, dann sind wir stark. Aus diesem Grunde sind wir dabei, unsere Fabriken in Sachen Effizienz weiter zu verbessern. Wir verfügen bereits über enorme Vorteile durch unsere weltweiten Standorte. Wir sind damit gegen Währungsschwankungen gefeit, realisieren wichtige Synergien im Einkauf und können lokal produzieren.“

Wie begegnet der Konzern den künftigen Herausforderungen?

„Mit unserer Baukastenstrategie sind wir stark und mit dem Modularen Produktionsbaukasten haben wir etwas Einzigartiges. Ein weiteres wichtiges Element unseres Erfolges sind unsere Aktivitäten zur ökologischen Fabrik – der „Think Blue- Factory“. Aus Untersuchungen wissen wir, dass rund 20 Prozent der Energie im Lebenszyklus eines Autos für die Produktion benötigt wird. Genau hier setzen wir mit dem Programm der „Think Blue-Factory“ an. Zum einen durch die Integration regenerativer Energiequellen in den Standorten. Als Beispiel nehme ich hier die Windkraftanlagen in Emden, Wasserkraft in Brasilien oder die vielen Photovoltaik-Anlagen, die wir in diesem und nächsten Jahr installieren werden. Zum anderen engagieren sich unsere Standorte an regionalen Umweltschutzprojekten. An jedem Standort fördern wir ein solches Projekt – auch im Sinne einer guten Nachbarschaft. Gleichzeitig wollen wir aber das Bewusstsein für unsere Umwelt bei allen Mitarbeitern schärfen und werksübergreifende „Best Practices“ etablieren.

Wann werden die Modernisierungen im Werk Wolfsburg abgeschlossen sein?

„Die Umrüstungen auf den MQB laufen bereits auf Hochtouren. Der neue Golf wird das erste Modell in Wolfsburg sein, das auf Basis dieses MQB gebaut wird. Die anderen Modelle werden schrittweise folgen.“
Wie groß wird dann die tägliche Fertigungszahl im modernisierten Werk Wolfsburg sein?

„Das Werk Wolfsburg auf einem richtig guten Weg. Im Jahr 2011 werden mehr als 800 000 Fahrzeuge vom Band laufen, eine Zahl, die zuletzt 1992 erreicht wurde. Die Mannschaft unseres Stammwerkes hat gezeigt, was in ihr steckt, rund 50 000 Fahrzeuge mehr als im Vorjahr gefertigt und beeindruckende 38 Sonderschichten gefahren. Das alles zeigt deutlich: Wolfsburg ist für die Zukunft bestens gerüstet.“
Wo sehen Sie das Werk WOB in den kommenden fünf Jahren?

„Wir werden die gesamten Produktionsanlagen umbauen und fit machen für die anstehenden Zukunftsprojekte. Die Logistik des Standortes wird ebenfalls optimiert. Herr Prof. Fiebig und seine Mannschaft leisten an dieser Stelle sehr gute Arbeit.“

Als Vorstand für Produktion sind Sie nicht nur für den Standort Wolfsburg, sondern auch für alle anderen Marken-Standorte verantwortlich. Neu hinzugekommen ist Volkswagen Osnabrück, wo das Golf Cabrio entsteht – haben sich Ihre positiven Erwartungen für diesen Standort erfüllt?

„Osnabrück hat uns überrascht, und die Vorgaben sogar übertroffen. In nur 15 Monaten haben die Kollegen dort das Golf Cabriolet auf die Räder gestellt. Eine echte Leistung. In Osnabrück wird nun die Überlaufproduktion des Porsche Boxster eingerüstet.“

Ende 2010 ging, dank Ihrer Initiative, die ehemalige Karmann-Fahrzeugsammlung in Osnabrück in den Besitz von Volkswagen über. Wie kam es dazu und warum haben Sie sich dafür engagiert?

„Oldtimer sind für mich echte Zeitzeugen und Botschafter der jeweiligen Marken. In Osnabrück beispielsweise ist die langjährige Technikkompetenz über die Karmann-Fahrzeugsammlung klar sichtbar. Die Modelle sind sehr tief in und mit diesem Werk verwurzelt – und die Menschen orientieren sich generationenübergreifend daran. Das muss man einfach konservieren und für die Nachwelt festhalten. Mein Lieblingsoldtimer ist der 1966er Karmann Ghia in rot. Schon als Kind war ich von so einem Auto beeindruckt.“

Der Großteil der automobilen Zeitzeugen von Volkswagen steht in Wolfsburg und wird von Volkswagen Classsic regelmäßig eingesetzt. Haben Sie auch persönlich Spaß an Oldtimer-Veranstaltungen - und wo waren Sie bereits dabei?

„Ich war auf der Sachsen-Classic und der Alpenrallye Kitzbühel dabei. Es gibt aber noch weitere internationale Rallyes, an denen ich gerne einmal teilnehmen würde.“

Sehen Sie einen Traditions-Transfer von den historischen Vorläufern zu den heutigen Produkten von Volkswagen - und wodurch unterscheiden sich die Autos mit dem VW-Logo von anderen?

„Man kann sich von jedem Auto etwas abschauen. Ein Käfer und ein 911er Porsche sind Klassiker in ihrem Design. Sie verkörperten schon zu ihrer Zeit eine hohe Präzision im Werkzeugbau.“ (ampnet/tw)

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Hubert Waltl.

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